Tagebuch

Ende 1945. Freiburgs Hauptstraße
Foto Hans Sigmund (durch Anklicken vergrößerbar)


15. November 2012. - Auch in Freiburg hieß die Hauptstraße der Stadt Hitlerstraße. Auch in der Krupp-Stadt Essen ("Waffenschmiede des Reiches").  Schon im Sommer 1945 fuhren auf beiden Straßen wieder Straßenbahnen, in Freiburg wie in Essen. Da war ich neun. Die Hauptstraße in Essen war wohl noch nicht ganz so gut aufgeräumt wie diese hier, die in Freiburg.

Ein erster Antwortversuch ist das auf die Frage, warum später fast 900 Seiten erzählen mussten von einem Drachentöter, nach ältesten Quellen, realistisch. Und gleichzeitig fast 700 Seiten von einem romantischen Theatermusiker, der von demokratischen Zeiten träumte. Und zuletzt 150 Seiten von einem explodierenden Atomkraftwerk vor Freiburg.

Für den Neunjährigen war der Drache real in Essen. Hatte aber auch dort das Münster stehen gelassen. Das Essener Münster ist sogar älter als das in Freiburg. In Essen ließ der Drache auch die Synagoge stehen, einen enormen Kuppelbau, im maurischen Stil.

Und blieb als Ungeheuer aktiv, hier wie dort. Tarnt sich als Fortschritt, und will in Freiburg seit 1970 dringend über den Rhein nach Westen, will hinüber ins nur achtzehn Kilometer entfernte Green-City und von dort überall hin, auch nach Essen.


30. November 2012. - Wie berauscht fotographiere ich von meinem Freiburger Westbalkon die Region, aus der er kommen will. Sehe über seinem Standort phantastische Sonnenuntergänge, das Wolkentheater über den Vogesen

 




"Ein Wetter steht grad über der Erd. Wann's nur ins Württembergische fährt. Denn tät es sich bei uns entladen, dann hätten wir, weiß Gott, Hagelschaden."

Diesen schlauen Herzenswunsch bastelte um 1840 Johann Gottlieb Biedermeier (so nannte sich Ludwig Eichrodt), und den sage ich gern auswendig bei dieser oder jener Lesung - hier aus "Schwarzwaldgeschichten" im Sommer 2011 im "Vauban", im "Sonnenhof". Immer mit Lacherfolg, schon nach dem Wort "fährt".

2.Dezember 2012 (1.Advent) - Im katholischen Freiburg wie im Schwarzwald läuft seit je viel Weltbewegung. Denn man glaubte hier früh gern und viel, zum Beispiel, dass ein Herr Amerigo nicht log, als er behauptete, er hätte die Neue Welt entdeckt. Und so notierte der berühmte Freiburger Kartograph Waldseemüller 1507 auf seiner ersten kugeligen Weltkarte (oben das zwölfblättrige Abbild, das hab ich aus der Badischen Zeitung ausgeschnitten und um einen Tennisball gewickelt), jedenfalls notierte der 1507 auf seiner Weltkarte dort, wo nun ein erstes Stück "Neue Welt" zu zeichnen war (heute "Florida") das Wort "America". Frei nach diesem Herrn Amerigo. Und drum heißt seitdem der ebenfalls stets weltbewegende und glaubensstarke Kontinent "Amerika", trägt einen Namen, der aus einer Lüge zu einem Missverstädnis in Freiburg wurde - und zu einem weltweiten Faszinosum.



Dezember 2012. - Auch diese Noten sind durch einfaches Anklicken vergrößerbar. Wenn ich sie sehe, diese Zeile aus dem Frühling des Jahres 1848, werde ich melancholisch. Geschrieben wurde das im Jahr des europäischen Revolutionsversuchs, auch des deutschen. Das ist ein Ausschnitt aus der Partitur zu einer unbekannt gebliebenen Freiheitsoper. Aus 1848. Von jenem romantischen Theatermusiker. Sehr rasch fühle da auch ich mich als Altachtundvierziger. Bei den Noten handelt es sich um eine Zeille auf Seite 23 der Partitur, da geht's in einer Art Vorspiel zu REGINA (Text und Musik von Lortzing) um den ersten Arbeiterstreik, der je auf eine Bühne hatte kommen sollen und der im 19. Jahrhundert prompt nie draufkam. "... viel. beschloßen ißt, zu Ende sei die Knechtschaft und die Türannei! wir werden ... " - die beiden letzten Worte "wir werden", die gehen auf dem nächsten Blatt weiter: (wir werden) "Recht uns jetzt verschaffen, wenn nicht mit Worten, dann mit Waffen." Nähere Auskünfte liefert diese Homepage unter "Essays" in einem Versuch, dessen Überschrift ebenfalls die ignorierte Freiheitsoper REGINA zitiert: "Nun kommt der Freiheit großer Morgen".

Dieser Morgen kam nach 1848 bekanntlich nicht. Stattdessen kamen ein "Kartätschenprinz", der wurde Kaiser Wilhelm I. und dann kam Wilhelm II. und und und - - - Auch in Freiburg hab ich versucht, Interesse für die Freiheitsoper zu wecken. Hab darüber alles in allem mehrere tausend Seiten publiziert ("Lortzing", "Salamander", aber es wird halt mehr geschrieben als gelesen). Hab damit auch die Freiburger Theaterleitung wohl nur erschreckt. Kein Echo. Lortzing gilt als unpolitisch. Basta, "beschloßen ißt". Lortzing war der erste Opernmacher, der seine Text selber schrieb. Schreibt er hier das "ist" so seltsam als "ißt", weil das damals halt so geschrieben wurde? Schon als Kind hatte der oft Grund, ans Essen zu denken, zum Beispiel mit 12 Jahren in Freiburg, wo er zum erstenmal auf einer Bühne stand (und dann woanders noch weitere fast zehntausend Mal). Und es heißt, kurz nach 1848 sei er in jeder Weise verhungert. Nach 1848 wurden seine komisch romantischen Spielopern aus dem "Vormärz" (VOR dem März 48) gut hundert Jahre lang auf deutschsprachigen Bühnen zu den meistgespielten Opern, die Leute liebten sie. Werden heute nicht mehr gespielt. Sind ja unpolitisch.




9. Dezember (2.Advent) - Selbst das noch immer opernverliebte "Frei"burg ignoriert Opernsachen, sobald sie Freiheitssachen sind. Zum Beispiel in dem Sommer, in dem junge Leute sich die Freiheit herausnahmen, auf einem ungenutzten Grundstück im Stadtteil Vauban eine lustige Kistenburg zu bauen und darin zu wohnen - da kam um vier Uhr in der Nacht ein Lindwurm aus der Stadt, kamen tausend Polizisten mit Ramm- und Räumgeräten. Und einen vollen Tag lang (obwohl die jungen Leute schon am Abend zuvor ihre lustige Burg verlassen hatten) blieben die 5000 Bewohner im "Vorbildviertel" Vauban eingekesselt. Selbst die Straßenbahn, die sonst alle sieben Minuten zur Stadt fährt, kam nicht mehr. Auch das freiheitliche Freiburg hat halt Probleme mit Frei-Sein und Freiheitsopern.





12.12.12. - Das ist in Freiburg wiederum kaum anders als in Essen, wo vormals Äbtissinnen das Sagen hatten und heute ein Bischof ("Homosexualität ist Sünde"), lange auch die Stahlfirma Krupp und derzeit immer noch Bergbau-Chefs. Auf der Haupt- oder Hitler-Straße sieht man heute als einzige Kunst ein Krupp-Denkmal und ein Reiterstandbild (den Sockel siehe hier unten). Diesen bronzenen Reitersmann im Rauschebart, den weihten Stadt und Stahlfirma 1906 dem ersten Kaiser Wilhelm, der bekanntlich (siehe "Salamander" und "Fessenheim") seit 1848 Demokratisches stahlhart verhindert hatte, 1848 mit Volksmord, "Kartätschenprinz" nannten ihn die Berliner (Kartätschen sind Sprenggranaten, am 18. März 1848 zerrissen sie in Berlin 250 Freiheitsbewegte). Wilhelm I und II jedenfalls besorgten der Stahlfirma kräftig Aufträge und verhalfen Essen zum Aufstieg, nach den Wilhelms war Essen größer als Frankfurt, Leipzig, Stuttgart oderDüsseldorf, war nicht nur die Krupp-Stadt, sondern auch Europas größte Bergbau-Stadt.

Was will da ein einzelner Protestler. Wenige Minuten nach diesem Foto (1990) kamen Streifenwagen, Ordnungsbeamte belehrten mich, mein Verhalten sei ein "Verstoß gegen Versammlungs-Vorshriften" und Versammlungen müssten angemeldet werden . "Wo denn ist hier eine Versammlung?" hab ich noch fragen können, "bin doch allein." Aber die bösen Wörter, die räumten sie weg und erstatteten Anzeige.



Im westlichsten Europa, im irischen Galway läuft so etwas trotz aller uralten katholischen Aufsicht viel lockerer. Hier zeige ich mit Freundin Mave zweifellos ungebührliche Gesten (bei einem Straßenfestival). Der nördliche Teil Irlands ist ja nach wie vor englische Kolonie. Statt Polizei kam in Galway der "Galway Advertizer" und interviewte mich, das steht nun auf Seite 1 dieser Homepage.



16. Dezember 2012. - Dieter (rechts) und Hermann sind zwei von denen, die mit mir 1956 in Essen das Abi machten. Dieter war Klassen-Primus, Hermann (Bergmannssohn) Bester in Latein. Hier stehen sie 2011 in Xantens wunderbarem römischen Museum. Dieter wurde Doktor-Ing und Professor an der TU Darmstadt, Spezialität Hochspannung, in Darmstadt zeigte er uns beim Abi-Treffen 2010 knallige künstliche Blitze. Hermann wurde Studienrat für Latein. Und als mir 1999 klar geworden war, dass der reale Drachentöter Siegfried Latein gekonnt haben muss (wie Arminius und wie Attila, die gleichfalls so was wie Austauschstudenten gewesen waren in Rom, historisch belegt), hab ich ihm meine fast 900 Manuskript-Seiten "Nibelungenchronik" zu lesen gegeben. Er staunte, fand aber noch etwa 50 kleinere Latein-Fehler - also nur einen auf 18 Seiten. Ärgert sich stets über schlechtes Latein, wenn etwa die FAZ täglich druckt In medias res, was in elegantem Latein Medias in res heißen müsste.

Schon bald war mir klar, am Hof zu Worms konnte König Gunther weder Keltisch noch Latein, Krimhild dagegen und auch ihr Lieblingsbruder Giselher - und leider auch Hagen von Tronje - kannten sich dagegen gut aus im römischen Sprechen und Machtpokern. Dann auch der Gast aus Xanten. Und das kostete ihn - - - aber dauert halt unendlich Seiten .



21. Dezember 2012. - Heute hätte Weltuntergang sein müssen. Laut MAJA-Kalender. Ich aber wohne auch an diesem Tag so wie seit fast acht Jahren, zauberhaft schön wie noch nie in meinem Leben, in einer Turmwohnung, mit vielen Balkonen und Blick nach allen Richtungen. Freilich auch mit fast freiem Blick aufs Drachenfeuer Fessenheim.

Im Norden die Stadt


 Im Osten "Vauban" und Schwarzwald


Im Süden der spezielle Schönberg (ein "Zeugenberg" - siehe "Salamander"). Auf diesem Balkon leider ohne Schwertschnabelkolibris, allein deren Zungen wären lang genug für die Trompetenblumenblüten


und abends im Westen das Wolkentheater, die Sonnenuntergangspracht über Vogesen, Kaiserstuhl und Atomkraftwerk




14. März 2013. - Die Novelle "Fessenheim" ist nun endlich erschienen. Und stieß auf kuriose Leseschwächen. Die Literaturredaktion des Freiburger Blatts fand im Text, dass ich Lortzing "hineingemogelt" hätte. Ich staune und sammele alle Namen auf den 157 Seiten, alle darin lesbaren Namen von historischen, mythologischen oder sonst wirklichen oder wirksamen Personen im Buch "Fessenheim":

Orion Mephisto Helena Undine Paracelsus Imperia Erasmus von Rotterdam Kopernikus Jan Hus Martin Luther Immanuel Kant Johann Peter Hebel Johann Wolfgang von Goethe Friedrich Schiller Brüder Grimm Heinrich von Kleist Adalbert Stifter Heinrich Heine Marcel Reich-Ranicki Hellmuth Karasek Wolfgang Döblin Alfred Döblin Ingeborg Drewitz 0tto Jägersberg Christoph Meckel Sébastien Le Prestre de Vauban Nicolas Sarkozy François Hollande Steffen Seibert Angela Merkel Carl Schurz Andreas Dilger Adrienne Goehler Friedrich Krupp Martin Heidegger Wolfgang Rihm Ludwig van Beethoven Robert Stolz Wolfgang Amadeus Mozart Richard Wagner Helmut Lachenmann Bernd Alois Zimmermann Django Reinhard Jacob Burckhardt Rosa Luxemburg Robert Altman Sophia Loren Marcello Mastroianni Orson Welles.

Ja, Leseschwäche. Der Name Lortzing kommt nicht vor. Im Buch "Fessenheim" sind, glaue ich, die Namen der wirksamsten Figuren: Erasmus, Hebel und Rosa Luxemburg. Wurden freilich in Freiburgs Monopolblatt nicht bemerkt.


taz




31. März 2013. - Die Überschriften bastelt die Redaktion:




Ende Juli 2013.
Ein junger Amerikaner namens Snowden bringt Bewegung. Hat bewiesen und kann belegen, dass Geheimdienste bei der Suche nach Terrorismus sich ständig gegenseitig "ausspähen"- und auch uns. Uns alle -

 

WELTBÜRGER in DigItalien


 (Kurzfassung eines Textes in der Gewerkschaftszeitschrift KunstundKultur, Sommer 2013)

In den letzten Monaten hatten meine Mails als Betreff „Atomkraft“ oder „Fessenheim“ oder „Atom-Terror“. Unter der Kontrolle von Geheimdiensten? Werden mich heute Abend kräftige Typen unten vor der Haustür in einen unauffälligen Wagen zerren?

 Einst war das Sehnsuchtsland neugieriger junger Menschen Italien, nicht nur für Goethe. Italien, das Land voller Zeugnisse von antiken „Weltreichen“, Ziel und Maß „gebildeter“ Lebensläufe, Vision für die Weltwanderer des 18. bis 20. Jahrhunderts, schließlich auch für die aus den USA, jedenfalls für solche, die sich ungern in die Wildwest-Ecke gestellt sehen, wo Konflikte mit Schießgeräten gelöst werden. Unser altes Vorbild- und Sehnsuchtsland Italien, wir sollten es umbenennen: in Digitalien. Denn nun ist Aufwachen möglich, könnten wir die veränderten Dimensionen und Qualitäten unseres Miteinanders wahrnehmen, die Magie und Macht der digitalen Realität. Benötigen nun aber nicht nur erweitertes Denken, sondern auch neue Maßnahmen in Sachen Sicherheit - und Freiheit. Zum Schutz der doch wohl auch jetzt noch geltenden „unveräußerlichen“ Menschenrechte - oder?

 Musste erst Frau Merkel, als rauskam, dass auch sie abgehört wurde, erschrecken und klar machen, was wir verschlafen haben? Dass „fremde Dienste“ massenhaft unsere privaten „Daten“ nutzen? Wussten unsere eigenen „Dienste“ davon nichts oder höchstens deshalb ein bisschen was, weil sie den fremden Diensten beim "Ausspähen" halfen? Gestammel der Kanzlerin sollte beruhigen. „In Deutschland gilt deutsches Recht“, sagte sie. „Nicht das Recht des Stärkeren, sondern die Stärke des Rechts“. Fast wie von Schiller. Aber unsere Freunde in England und in den Staaten, die grübeln nun, was da die Kanzlerin eigentlich erklärt hat. Engländer und Amerikaner als letzte Unzivilisierte? Da wird nun heftig diskutiert. Und als Feindbild gilt jetzt nicht mehr „der Russe“, sondern „der Ami“? so las man’s in der großen New York Times. Autor war Russlands Präsident Putin. 

 Wer soll nun weltweit Digitalien regeln? Neues denken? Verfügt Europa über so was wie eine Vision von dem, was auch in „Digitalien“ noch Recht und Gerechtigkeit sein könnten? Besitzen ausgerechnet wir Deutschen, nachdem wir die Welt blutig heimsuchten, höhere Einsichten in Sachen Miteinander und Menschenrechte? sogar im worldwideweb?

 Deutschland duldete - trotz Kant - länger als die westlichen Nachbbarn Patriarchat und Untertänigkeit, am Ende bis zur Stilllegung fast jeden Hirns. Wer bei uns individuelle Grundrechte wollte, erlitt Niederlagen, 1815, 1848, 1918 oder 1933. Zur rassistischen Raserei hörten wir sehr gern die phantastisch lähmende, diese zauberhaft betäubende Wagner-Musik, bis zur Götterdämmerung. Erst nach 1945 wurde bei uns ein Verfassungsgrundsatz möglich wie „Die Würde des Menschen ist unantastbar“. Nicht die Würde des heldischen Menschen oder des christlichen, nicht die des jüdischen oder des muslimischen, nicht die des Mannes und nicht die des Eigentümers, nein – die „des Menschen“. Ein Wunder von einem Satz. Wo kam der her, wie konnte der entstehen?

 Die Idee, die einen Staat berechtigte, von seinen Bürgern Gehorsam zu erwarten, die das „Gewaltmonopol des Staates“ einzig akzeptabel zu machen schien, das war die Vision des Philosophen Hobbes, dessen Vorstellung vom Leviathan, wonach das bewaffnete staatliche Ungeheuer dem Bürger für seinen Gehorsam Sicherheit zu bieten habe. Diese Vision, die 150 Jahre später Kant erweiterte „Zum ewigen Frieden“, die müssen wir nun präzisieren, denn die technischen Voraussetzungen, Menschen zu schädigen oder umzubringen, hängen inzwischen nicht mehr ab von Revolvern, Raketen, Bomben und Giftgas, sondern spätestens seit dem neuen Jahrtausend werden die digital gestützt – zum Beispiel in Drohnen. Und dieses „Stützen“ benötigt internationale Abkommen, nämlich solche, die alle kybernetischen, die all diese allgegenwärtigen Möglichkeiten des neuen digitalen Leviathan kennen und durchschauen. Auch massenhaftes Töten durch Drohnen ist netzgesteuert, mordet mit Computer-Eleganz, ferngelenkt, entzieht sich dem Menschenrecht wie dem Völkerrecht in totale Anonymität.

Kant schon machte Vorschläge, die Grenzübergreifendes wollten. Aber die alte wechselseitige Schutz-Idee zwischen Staat und Bürger, jetzt ist sie neu zu durchdenken, auf UN-Basis zu stellem, weltweit und mit neuer Definition von "Würde" und „Privatheit“. Nun ist überfällig, was nach 1945 für wenige Jahre aufgetaucht war: die Vision vom „Weltbürger“. 1948 bezeichnete sich ein Gary Davis als „Weltbürger Nr. 1“. Wenig später registrierte man 750 000 Mitglieder seiner Bewegung.

Digital funktioniert aber auch Industrie-Spionage, das „Ausspähen“ des Konkurrenten, des jeweils profitableren Know-How, das läuft digital ungeheuer gut, blendend. Auch da benötigt „der Mensch“ Schutz, weil er das Recht hat, nicht arm, nicht arbeitslos zu werden. Die Idee des „Weltbürgers“ Gary Davis - technisch ist sie nun Realität. „Digitalien“ umgibt uns von Australien bis Grönland, meine erste Mail bekam ich 1998 und werde sie nie vergessen, die kam aus Neuseeland, von Jörg Drews, dem Literaturwissenschaftler. Und wenn nun zum Beispiel alternde Atomkraftwerke kollabieren (430 gibt es auf dem Planeten, 69 neue sind im Bau, am wahrscheinlichsten kollabieren sie wegen Materialermüdung, menschlichem Versagen, Terror oder Naturkatastrophen), dann belauert uns alle nicht nur die atomare Wolke, sondern längst umgibt uns auch die digitale, die "Cloud" und sind die neuen weltweiten Abmachungen dringend nötig. Zum Schutz der "Würde des Menschen“.

 Eine positive Vision? Laut Altkanzler Schmidt soll, wer Visionen hat, zum Arzt. Zugegeben, die Realitäten sehen finster aus, in Syrien, Irak oder Ägypten erschlagen sich die Völker, die Stämme, die Religionen, Sunniten die Schiiten und umgekehrt, und die Weltmächte nutzen das zu neuem kalten Krieg. Aber Geduld, so mahnt der Theologe Hans Küng, auch Europa habe Jahrhunderte benötigt, um herauszukommen aus der Lähmung religiösen und ideologischen Machtkampfs. Recht hat er, der "Welt-Ethiker" Küng . Was Buchdruck und freies Theater in Jahrhunderten für die Emanzipation leisteten, das müsste und könnte nun auch das Internet schaffen - willkommen ist Digitaliens totale Öffnung aller Grenzen und Informationen - für alle - unter der Bedingung der Menschen-Rechte, willkommen "Vernunftglut"!

Foto-Copyright Anabas



28. September 2013. - Herr Himpel und Frau Himpel

(Festrede zur Eröffnung der Vaubanaise)

Nun ist dieser sehr seltene Fall eingetreten, dass nicht nur eine Idee hervorragend war, sondern auch ihre Verwirklichung. In meinem denkwürdigen Wohnviertel Vauban – wo soeben auch ein ansehnlich freundliches Hotel startete, „Green City“ – in diesem so oder so besonderen Stadtquartier gibt es nun dieses enorme Projekt „Vaubanaise“. Enorm nicht nur als gelungene Architektur – ein liegender Gewölbebogen, der seine größere runde Seite mit weiten Fenstern und Balkonen nach Süden richtet – nicht nur ein Bauwunder, sondern ungewöhnlich auch mit seiner vielfältigen Fülle ständig wechselnder Wohnformen – das wunderbare Projekt "Vaubanaise".



Kürzlich traf ich auf der Vauban-Allee zwei amerikanische Soziologie-Professoren, die ohne Deutsch-Kenntnisse versuchten, im Vauban zu finden, wovon sie gerüchtweise gehört hatten, nämlich andere „Lebensformen“, „Wohnmodelle“. Die beiden waren gerade drauf und dran, beim Kindergarten die Inschrift „evangelisch“ misszuverstehen als „evangelikal“, vermuteten da das Haus einer Sekte – in den Staaten sind halt die Evangelischen die „protestants“, und Evangelikale, weiß der Teufel, sind was anderes. Und an der Zahnarztpraxis des Herrn Pein erkannten sie in den werbenden Zeichen des Arztes geheimen Tiefsinn, da greifen halt ein oberer und ein unterer Backenzahn höchst harmonisch ineinander, doch die akademischen Forscher erkannten keine Zähne, sondern Ying und Yang.

So schnell kann das gehen mit dem Missverstehen. Zum Glück konnten die Gelehrten belehrt werden.

Neue Wohnformen und andere Lebensmodelle sind Wünsche so alt wie der Mensch, im Hochmittelalter grübelte eindrucksvoll der frühe politische Liedermacher Walther von der Vogelweide: „wie man zer werlde solde leben“ – ja, wie sollten wir miteinander klar kommen, wenn wir doch alle so verschieden sind und das auch sein wollen und sollen, da wird es unendlich schwierig. Goethe erzählt in den „Wahlverwandtschaften“ von bedenklichen Experimenten, die schließlich verunglücken. Literaturbeflissene Wohngemeinschaften nennen sich nicht ohne Grund „Wohnverwandtschaften“.

Im Stadtviertel Vauban haben junge Leute 1990, gleich nach dem Abzug des Militärs ganz anders wohnen wollen, auf fahrbaren Untersätzen, mit Kind und Kegel in rollbaren Häusern. Doch die Stadt Freiburg gönnt solchen Leuten bis heute keinen Platz, macht amtsgewaltig Druck, noch letzte Woche im Gemeinderat mit „basta“: „Kein Abweichen von alten Beschlüssen!“ Im Sommer vor drei Jahren rückten im Vauban tausend Polizisten an mit Räumgeräten, zum Zerknacken einer romantischen Wagenburg aus Kisten und Kästen und Wagenteilen, mit Türmen und Fensterchen. Das Viertel Vauban war für einen Tag komplett umzingelt, 5000 Bewohner blieben einen Tag lang in einem Polizeikessel, weil freies Wohnen in Freiburg offenbar verhindert werden muss.

Von den vertriebenen Wägen-Leuten hatten dann einige Glück, nämlich bei den Bauherren dieser Vaubanaise. Als sie dorthin flohen, wo damals noch nicht gebaut wurde, erhoben städtische Ämter zwar wieder ihre strengen Forderungen, schickten aber weder Polizei noch Räumbagger, denn hier gab es mit dem Grundbesitzer gute Vereinbarungen, mit Bürgschaften von Anwohnern, und die Abmachungen wurden dann auch korrekt eingehalten, nach dem vereinbarten halben Jahr haben die Wagenbewohner dies Gelände pünktlich wieder verlassen. Ergo war die Vaubanaise schon als Grundstück eine Hilfe für Leute, die anders wohnen und leben wollen, begann die Vaubanaise als gute Tat, beispielhaft, und nun haben sich diese Ideen und Taten konsequent fortgesetzt, so idealistisch wie realistisch: Hier helfen und ergänzen einander die verschiedensten Leute und Gruppierungen, Junge und Alte, Konservative und Neuerer, Behinderte und Nicht-Behinderte, und niemand schreibt jemandem vor, „wie man zer werlde solde leben“.

Meine Freundin hat mir gesagt, ich soll hier zur Einweihung unbedingt ein Bild überreichen, eines vom Tomi Ungerer, von unserem phantastischen Nachbarn drüben im Elsass, ein Bild aus seinem Buch „Papa Schnapp und seine noch-nie-da-gewesenen Geschichten“, 1971 erschienen, da sieht man einen alten Blinden mit einer alten Lahmen, aber die Lahme kann sehen und der Blinde kann ihr den Karren schieben – schon 1971 hat Tomi Ungerer das Prinzip "Inklusion" voll durchschaut. „Herr Himpel ist blind, Frau Himpel ist lahm, sie sind alt – sie sind glücklich – sie haben einander“.Himpel

Rings ist unsere Welt übervoll mit Streit, Kampf und Entsetzlichstem. Und wir vertun Milliarden in misslingenden Großprojekten, etwa im völlig unnötigen und lebensgefährlichen Tief- und Schiefbahnhof in Stuttgart, dessen Fehlplanungen bei der Volksabstimmung keiner kennen konnte. Haarsträubend ist das, im Grunde ein Betrugsmanöver, jedenfalls ein Milliardengrab, das nun selbst unser Musterland in Defizite treibt. Ähnlich das Konzerthochhaus über dem Hamburger Hafen, auf uralten Baumstämmen soll das im Elbgrundwasser stabil bleiben, oder der Berliner Superflughafen BER, der ausgerechnet von einem saniert wird, der zuvor die Bahn mit Börsen- und Leistungsstress so heimsuchte, dass in diesem Sommer plötzlich Leute fehlten, die von der Kunst der Stellwerke Ahnung haben.

Ringsum fatale Projekte, auch das Atomkraftwerk Fessenheim, nur 18 km von der Vaubanaise entfernt, dort, wo so zauberhaft die Sonne untergeht. Egal, ob dort nun sehr vorhersehbar menschliches Versagen lauert oder Materialermüdung oder Terror oder ob die Erdkruste wieder mal beben wird, jedenfalls entstehen dort drüben Tonnen nie zu entsorgenden Mülls, von dort bis hierher benötigt eine Giftwolke im üblichen Südwestwind nicht mal eine Stunde. In diesem ach so sinnvoll realisierten Vauban samt Vaubanaise leben wir nur scheinbar paradiesisch, tatsächlich ohnmächtig, im Windschatten eines Ungeheuers.

 Um so paradiesischer scheint, was wir hier und heute feiern, hier wuchs in aller Stille, jenseits allen Medien-Lärms, „experimentelles Wohnen“, ein Gegenmodell gegen jeden Größenwahn, sanft und urdemokratisch – menschliches Miteinander funktioniert so halt auch. Mit Rücksichten, Kompromissen, Freundlichkeiten, mit Zuhören, Respekt und Kenntnissen, mit gegenseitiger Aufmerksamkeit und Hilfe, so wie zwischen Herrn und Frau Himpel. Und so soll es nun weiter blühen – herzliche Gratulation und Glück auf!, viva la Vaubanaise!



1.12.2013 - Hätte beinahe auch ganz anders gelebt. Gab da paar Möglichkeiten. So, dass ich jetzt auch sagen könnte: Wieso eigentlich kümmere ich mich derart breitmäulig ums große Ganze statt ums eigene Dasein und Sosein hier und jetzt.

Und hatte die Mutter bloß „Vockschule“ und war Rotkreuzschwester mit Mutterwitz und ihr Vater bloß „Kassier“ und war mein Vater Bauernsohn und wurde dann so was wie Diplom-Theoretiker. Und war seine ach so begeisterbare Blauäugigkeit und Weltverbesserei ein ziemliches Erbe für mich in Vorkrieg, Krieg, Nachkrieg.

Stopp! höddoch auf. Das Erben ist vorbei. Und ich hab auch sehr viel Glück gehabt.

 


10.12.13. - Dem Nachbarn hatte ich gesagt, wir bekämen Besuch, „Freundinnen von früher. Einst Blumenkinder, Hippiemädchen.“ Da kam auch er gern zu Besuch, schon zum Frühstück. Und war sichtlich entsetzt. Sonst beim Frühstück war viel Gelächter gewesen, gestern noch mit Wörtern jongliert, weil „Untiefe“ alles andere meint als tief und was so ein Wort wie „glimpflich“ will, wenn doch „verunglimpfen“ nichts anderes ist als schlecht machen.

 Jetzt stummes Gesicht. Zerknitterter Griesgram. Denn was er nun sah bei Kaffee, Tee und Honig, das hatte er sich wohl nicht klar gemacht, waren die vor fünfzig Jahren Blumenkinder? Nun saß er neben amerikanischen Greisinnen mit tiefen Stimmen, schweren Hüften und gasrtig gelenkigem Englisch.

Aber anderntags wieder Wörtergewusel - wieso Hasen als Angsthasen gelten, wo doch die Männchen "Rammler" sind und menschengleich boxen.



17.Dezember 2013. -  Nun sind nach Amerikanern und Russen auch Chinesen auf dem Mond, mit Maschinen. Heute früh um 7 Uhr 35 stand er noch rund über unserer Haltestelle (der Stadtbahn):mondhaltestelle

- versank dann im Dunst über den Vogesen

mondansicht haltstelle




Weihnachten 2013. - Zur Bücher-Bestenliste des SWR

Antwort-Mail an zwei Freunde im Sender in Baden-Baden

Hallo, Ihr beiden bewährten Freunde -
 
das kommt ja nun ziemlich kahl und fast brutal - kurz vorm 39sten Jahr des monatlich sachlichen Weckrufs fürs derzeit Schönste und Beste diese nüchterne Mitteilung: ab nächstem Ersten is ma Schluss mit deren gedrucktem Dasein - - -
 
Och. Hm. Dieser kluge monatliche Aushang. In Buchhandlungen, Biblioztheken, neben Schreibtischen. Muss denn der bitter arme und offenbar ahnungslos geführte Sender nun seinen Kulturbereich nicht nur retten mit dem Ruinieren eines Weltrang-Orchesters - entstanden in den Zwanzigern (mit Brecht, Eisler, Hindemith), sondern auch mit dem Zerknausern dieser einzigartigen Gegen-Liste? - Jaja, die Drucksachen, die Postgebühren - mit einer Liste, die sich in der Qualität und Genauigkeit ihrer Empfehlungen gerade in den letzten Jahren immer noch mal hat steigern können?
 
Früher begingen wir Jahrestage der "Bestenliste" mit Begleitbänden, mit sorgfältigen Suhrkamp-Taschenbüchern - und jetzt? Knappes Info. Die "langjährig treuen" Bezieher werden ins Digitale verwiesen. Sollen die sich doch selber was ausdrucken als Aushang -
 
- es klagt von fern der Initiator
J.L.



Neujahr 2014 -

Das kreischte. - Seit Weihnachten viele Sorten Besuch, ebenso viele "wahrsagende" Rückblicke. Ach, und plötzlich wurde der Tiefblick wieder bedenklich. Ich heiße ja schon so, hab ja einen Namen, der warnt. "Lodemann"? Das lodert. Und meist ein allzu rasches Empor. Mein Name ist nachweislich (nicht nur in Annette von Drostes Poem von den "Loden") eine Bezeichnung für Reisigsammler, die im Unterholz die Triebe nutzen, die im Wald doch auch noch rasch und hoch hinauf wollen ans Licht und die offensichtlich keine Zeit haben für Zweige in die Quere. Mein Name hat zu tun mit Lohe und Lodern, mit Leuten und Proleten. Schon mein Vater war allzu begeisterbar ("Der große Irrtum"). Und nun, mitten in der gemütvollen Dauerfeier unter 12 Gästen, eine Blockade. Von einer unheimlich freundlichen Frau .

Erzählt hatte ich, wie sogar im "erzreaktionären" Baden-Baden mal eine Aktion Roter Punkt möglich war (kostenfreies Busfahren, Autos gehören allen etc), wie um 1970 sogar in dieser Residenz der Millionäre und des Schwarzwaldsenders SWF die erdrückende Mehrheit der Besitzenden und der Alten, wie da bei einer Wahl diese permanenten 75 Prozent für die "Christlichen" kurz nach '68 fast gebrochen worden wäre von einer klugen Gegenkandidatin, bei einer OB-Wahl, 42,6 Prozent bekam sie. Anfrage der Freundlichen: Mit welcher Partei? - Mit der SPD. - Fehler, antwortete sie. SPD ist und bleibt ein Fehler. - Uraltes Urteil, sagte ich und wollte dann rasch beschwichtigen, zitierte "Gott ist ja selbst nicht fehlerfrei", das sang schon 1840 Belli, ein Beamter im Vatikan und heimlich ein Dichter. - Fehler bleibt Fehler. So beharrte sie. - Wie sollte das denn damals anders gehen? hab ich noch gefragt, Grüne gab's um '70 noch keine. Mit der KP wäre die Kandidatin über zwei Prozent nie hinausgekommen. - Ihre Antwort: Nie?

Sie blieb bei der Blockade, ich bei meiner Begeisterung für jene ausnahmsweise 42 Prozent. Schilderte nochmal das Millionärsbad als verstockte Hochburg von Egozentrik und Ignoranz. Immer höher mein Ton lodernd begann auch noch die tausend Seiten "Ästhetik des Widerstands" des Peter Weiss beschwören, die erzählen, wie schon früh das Blockieren zwischen Linken und Linksaußen fatale Folgen hatte - endgültig ab 1933 -

In der Hilflosigkeit, im Zorn vorm Fertig-Urteil loderndes Lohen. Die tagelang schöne Feierei, plötzlich mit gestörtem Ton. Zu gern hätte ich noch erzählt, dass Ignorieren, Blockieren und gegenseitiges Bekämpfen der Linken lange vorm Entstehen der entsprechenden Parteien schon Thema war im ignorierten führomantischen Freiheitsspiel um Regina, in dem die beiden konkurrierenden Lover entweder ein "irdisch Paradies" besangen oder "ich glaube kaum den schönen Traum".

Misston statt der alten Oper. Im sehr dicken Brett war der Reisigsammler, der Freund der "LITTERatur", mit seiner Säge an Beton geraten, und das Eisen kreischte.



2. Januar 2014

Trotz allem, das neue Jahr eröffne ich stürmisch. Schreibe einen Brief an eine Akademie.

Lieber X Y,

einen so richtigen wie klugen Abend des Gedenkens wie den für Walter Jens – Gratulation! – den müsste es endlich mal auch für einen geben, der es seit mehr als 150 Jahren aufs Höchste verdient hätte, nämlich für den in jedem Sinn verhungerten Texter, Komponisten, Sänger, Schauspieler, Familienvater (11 Kids) und Freiheitsbewegten Albert Lortzing, geboren und elend verendet in Berlin (1801-1851), 1848 Schöpfer der unbekannt gebliebenen deutschen Freiheitsoper REGINA, die man auch Paulskirchen-Oper nennen müsste, weil sich dieses spannende Musikdrama letztlich um nichts anderes dreht als um jenes „Einigkeit und Recht und Freiheit“ des Lortzing-Freundes Fallersleben. Lortzings Freund war auch der 1848 (am 9.11.!) in Wien exekutierte Robert Blum.

 

Früher mal gefeiert als (und reduziert auf den) „Meister der deutschen komischen Oper“ (z.B.„Zar und Zimmermann“, „Wildschütz“) ist er in Berlins „Komischer Oper“ zuletzt 1959 realisiert worden (Regie Felsenstein), gilt inzwischen bei den Ahnungslosen als unpolitisch und ist in jeder Weise das Gegenteil (Szene 1 REGINA: „wenn nicht mit Worten, dann mit Waffen, mit Waffen!“). Schrieb als erster – vor Wagner – seine Texte selber, z.B. schwärmt 1848 sein Revoluzzer in REGINA von einem „irdisch Paradies“ (gegen „Knechtschaft und Tyrannei“), ein anderer aber zweifelt "ich glaube kaum den schönen Traum", doch „Recht soll euch werden, denn leiden soll kein Mensch auf Erden“ oder (Finale): „Heil Freiheit dir, du Völkerzier“.

Lortzing lässt das singen von „Fabrikarbeitern" und von einem Vorarbeiter, einer Verkörperung seines Freundes Robert Blum (der entscheidenden Paulskirchen-Figur), der – wie Blum in der damaligen Wirklichkeit – in REGINA ebenfalls einen blutigen Aufruhr beschwichtigen kann von Meuterern, die bei Heine, Marx und Engels „Lumpenproletariat“ heißen. Auch Lortzings Protagonist lenkt - wie Blum - große Wut in wirksame Bahnen. Ausgerechnet ein „Unpolitischer“ machte mit REGINA die einzige klassisch-romantische Oper mit einem Arbeiter-Lohnstreik – in seiner Oper haben überhaupt nur Arbeiter das Singen und Sagen. „Arbeiter von allen Klassen stürmen die Bühne“ – seine Anweisung fürs Finale, wörtlich.

Ich bremse mich mit weiterem Denkwürdigen und mache Dir in aller Demut und Sachbezogenheit den einfachen Vorschlag, den ich rings um Freiburg nun schon mehrfach realisiert habe – z.B. bei Hansgünther Heyme, derzeit Intendant in Ludwigshafen, der dort REGINA realisierte (in der Anlage findest Du die Rezension der FAZ vom Ende November - mit „großartig“, mit „Vorbild für Wagner“) – ich schlage vor: einen garantiert ergreifenden Vortrag mit Musik aus eben dieser REGINA, für den ich nichts weiter benötigen würde als ein Stehpult und eine gute Abspielmöglichkeit für eine CD – ich verspreche Faszination – da hören wir hinein in die nach langem bitteren Frust 1848 endlich eröffneten wunderbaren Hoffnungen („nun kommt der Freiheit großer Morgen“), wir hören die Berauschtheit jenes denkwürdigen blutigen Frühlings 1848 (am 18. März in Berlin-Mitte: 250 erschossene Freiheitsbewegte), der bekanntlich dem „VorMärz“ den Namen gab. Denkwürdig ist REGINA, weil sie so was wie die deutsche Ursuppe ist, aus der Jahrzehnte später Gewerkschaften werden konnten und die zweifelnde SPD gegen KP und dann USPD – und gegen deren "irdisch Paradies" -– und am Ende, ganz am Ende, unser Grundgesetz. Wahrlich ein Thema für eine Akademie!

 Es grüßt herzlich Dein J.L.




Dreikönig, 6.1.2014. - Trotz allem sei und bleibe der Mensch ein "alter Hoffer", hat der alte Theaterdirektor in Weimar gewusst. Und so hoffe nun doch auch ich wieder. Auf Antworten. Zum Beispiel auf Reaktionen auf das, was Ende 2013 an einige deutschsprachige Theaterleiter ging, von Antworten phantasiere ich auf "Siegfried. Erneuert nach den ältesten Quellen".

Geschickt hab ich da jeweils folgenden Brief samt dem nachfolgenden Motto:


Sehr geehrte(r) Intendant(in),

anbei, mit Verlaub, 33 Szenen „Siegfried“. Je genauer aus dem Umkreis von Völkerwanderung und Nibelungenstoff altdeutsche und lateinische Überlieferungen befragt werden, als desto aufregender erweisen sich die ältesten Quellen. Die berühmte Geschichte ist hier wortgenau rekonstruiert, aus frühesten Klängen, mit verblüffenden Bedeutungen.

Zum Beispiel ist das Älteste, was in deutscher Sprache je schriftlich überliefert wurde: „idisi . . .  heri lezidun“ – „kluge Frauen blockierten das Heer". Die Siegfried-Geschichte ist ein spätantikes Stück, eine Urgeschichte, zeitlos.

Die Hauptfigur dieses vermeintlichen „Nationalepos“ der Deutschen wird im „Nibelungenlied“ nie „deutsch“ genannt. Höchstens „helt von niderlant“. Bekanntlich von Deutschen lärmend und lähmend missbraucht als Vorbild für Völkermord. Wobei sich der „helt“ – bei genauerem Hinsehen auf die Quellen – in einen Klugen wandelt, in einen Friedfertigen, ja, in einen Weltbürger. 

Das Jagdgelände, in dem er ermordet wurde, kann unmöglich der Odenwald gewesen sein, das war südlich von Worms das damalige amphibische Wald- und Wasserland rings um den Ort, an dem noch heute etwas bestialisch zum Himmel stinkt als „Großkläranlage der BASF“. Dort war in den "christlichen" Jahrhunderten das Jagdrevier der Wormser Fürstbischöfe gewesen.

Im immer nur bewunderten, im selten genau gelesenen Epos der Kleriker wirkt ein Bischof nicht mit. Im ochmittelallter kein Priester? Auch dies wird verständlich in den hier beigefügten Szenen des archaischen Europa-Dramas. Das den Stoff erneuert aus frühesten Befunden.



Friedrich Engels 1839  (neunzehnjährig) :

Was ist es, was uns in der Sage von Siegfried so mächtig ergreift ... da ist die üppigste Poesie, bald mit der größten Naivetät, bald mit dem schönsten humoristischen Pathos ... wir fühlen alle denselben Tatendurst, denselben Trotz in uns, der Siegfrieden aus der Burg seines Vaters trieb – wir alle wollen hinaus in die freie Welt, wir wollen die Schranken der Bedächtigkeit umrennen ... für Riesen und Drachen haben die Philister auch heute gesorgt, namentlich auf dem Gebiete von Kirche und Staat – 

Älteste schriftliche Überlieferung in deutscher Sprache (Merseburger Zaubersprüche) :

 Idisi . . . heri lezidun                                          „Weise Frauen . . . hemmten das Heer“

Wenn schon 1839 - im "Biedermeier" - ein 19jähriger - solch genaue Schlüsse ziehen konnte, da hoffe ich nun, dass Wortlaut endlich wahrenommen wird.





22. Februar 2014

An einen Professor in Karlsruhe über SCHICKELE nach einer Lesung aus "Fessenheim"

Lieber literarischer Gesellschaftsleiter,
 
nun hab ich mich doch noch sehr zu bedanken für Ihre Jahresgabe "Das Wort hat einen neuen Sinn". Auch ich gehöre zu all denen, an denen der Rang des René Schickele vorbeiging, der war für mich - für den aus dem Ruhrgebiet - höchstens ein Gerücht, auch die Jahre hier im Süden haben daran wenig geändert, in all den inzwischen fast  40 Jahren "Bücher-Bestenliste" des SWF und des SWR kam der Name Schickele nicht vor, obwohl auf der monatlichen Zehnerliste der Qualität oft auch an die aktuellen Größen der Vergangenheit empfehlend erinnert wird und wurde.
 
Mit Ihrer Gabe haben Sie auf Anhieb einen Schickele-Verehrer gewonnen. Welch ein Schriftsteller! gerade für unsere Situation hier an der Grenze zu Frankreich - in der historischen wie aktuellen Gegebenheit des Oberrheins - das ja in meinem Novellen-Fall nun auch literarisch fatale Fakten der Erdgeschichte liefert - was wohl hätte Schickele zu "Fessenheim" zu sagen gewusst -
 
Und just dazu liefert dies Buch brisant hellsichtige Vorausblicke - nicht zu glauben, dass der Mann schon im Januar 1940 gestorben sein soll, denn ich lese folgendes:  "Die Wissenschaft setzt einen gewaltsamen Tod in die Welt, neben dem der alte Gevatter Sensenmann sich wie ein Spielzeug ausnimmt oder eine Botschaft von süßer Erlösung. Und wir alle arbeiten fleißig mit an der Fütterung des Riesenkindes, das uns alle erschlägt."
 
Erschlagend präzise.
 
Künftig kann ich meine Lesungen aus "Fessenheim" mit diesem Schickele-Wort beginnen. Gewiss, er hat das "Riesenkind" noch sehen können in der damals rasant wachsenden militärischen Vernichtungstechnik, die irrsinnig genug war - aber das Denken, das technische Fortschritte nicht zu Ende dachte, hat er unheimlich früh gesehen, wie allzu wenige sonst.
 
Beklemmend konkret sah er auch die andere Seite unserer Hirnlosigkeit: "... und was die Juden anlangt, nein, da ist es doch klar, was mit ihnen geschähe. Die Hälfte würde bei Kriegsausbruch beseitigt, der Rest nach der ersten Niederlage..." Und aus solch grauenvoll hellsichtig Konkretem obendrein dann die grundsätzliche Erkenntnis: "... die tägliche Kriegspropaganda gegen den verhaßten Mitbürger. Das sind die kleinen Türen, durch die der große Krieg kommt" - - -
 
 
Exakt dies ist die Antwort auf die immer neu - nicht nur von jungen Leuten - gestellte Frage: Wie war das möglich, wie konnte das kommen - Krieg, KZs, Atombomben. - Durch die "kleinen Türen" der Menschenverachtung kommen sie immer neu - ob bei "Gangster-Rappern" wie Buschido oder bei Blockwarten oder bei den Eltern oder im eigenen sanften Gemüt -
 
Danke für den Schickele!
 
Herzlich
Ihr Lodemann




9. März 2014. - KURZE ATOMREDE

Am Atomkraftwerk Fessenheim auf der französischen Rhein-Seite, zum dritten Jahrestag Fukushima, hatten die französischen Organisatoren der Demonstration auf 9 Rheinbrücken zwischen Basel und Straßburg fast 7000 Atom-Gegner versammelt, meist Franzosen und wollten, dass ich sagen soll, worum es in „Fessenheim“ geht. (Nach jedem Satz wurde übersetzt).

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Bon jour, mit der Novelle „Fessenheim“ hab ich inzwischen fast fünfzig Vorträge gemacht. Leider bislang nur drüben, in Deutschland

In der Geschichte geht es um einen jungen Reporter, der in einer Sommernacht am Rhein eine Studentin kennen, lernt, die studiert Geologie - Erdgeschichte. Von ihr lernt er sehr viel, und alles auch über den Grund unter Fessenheim, über die hier sehr empfindliche Haut der Erde.

Und er begreift den Skandal, dass ausgerechnet über einer sehr sensiblen Stelle der Erdkruste ein Atomkraftwerk errichtet wurde, zwischen Basel, Mulhouse und Freiburg. Von Frankreichs 58 Atomkraftwerken das älteste, das inzwischen hinfälligste

wo vor nur einer Sekunde der Erdgeschichte die Stadt Basel unterging, über einem Zittern der Erdhaut, beim Beben des Jahres 1356 

wo in der nächsten Erdsekunde auch Freiburg so enden kann. Oder Fessenheim.  Wahrscheinliche Ursachen für einen Super-GAU („Kernschmelze“) sind: Natur. – Menschliches Versagen. – Materialermüdung. – Terror.

In jedem Fall steigt dann eine Wolke auf. Unsichtbar. Und tödlich.

Eine Stunde später wäre dann Straßburg unbewohnbar. Tags drauf Paris. Oder, je nach Windrichtung, Freiburg. Dann Stuttgart. Tags drauf Berlin. – Schlaft weiter, Berlin&Paris! 

Die Katastrophe Fukushima ist NICHT seit 3 Jahren „vorbei“, sondern die ist voll im Gang, in tödlichem Ablauf.

Ein über Jahrtausende sicheres Endlager für Atom-Müll? – Pure Illusion.

Die sogenannte „saubere“ Energie Atomkraft ist nicht nur die gefährlichste aller Kräfte, sondern auch die teuerste. Fatal unwirtschaftlich. Da seit je die Folge-Kosten weggelogen wurden.

Ein Schöpfer dieser Welt könnte sagen: Meinen Planeten Erde liefert die bestmögliche Energie das gewaltigste aller Kraftwerke. Das reicht für alle Zukunft des Lebens,  VIVE  LE  SOLEIL!

17. März 2014. - In der Nacht zum 18. März erkletterten Green-Peace-Leute dort unten hinten am Rhein (in 18 km Entfernung von der Stelle, an der ich aus meinem Wohnzimmer heraus dies Foto machte) die maroden Kühltürme des Atomkraftwerks Fessenheim und plakatierten das, was seit gut einem Jahr Fazit und Botschaft meiner Novelle "Fessenheim" ist: RISIKO FÜR EUROPA.

Die Novelle geht allerdings noch weiter und sagt: FÜR DIE WELT.

Wer genau hinschaut, sieht auf diesem Foto, aufgenommen am Abend danach, am 18. März also, oben in der dunkelroten Wolke, einen Hubschrauber. Auch von der deutschen Seite her wurde die unerhörte Tat beobachtet -





17. März 2014. - RATHAUSREDE.

Und wie es die Zufälle immer wieder wollen, kam es in derselben Nacht im vollen Stuttgarter Rathaus zu einer neuen Erfahrung. Vorm Oberbürgermeister der Landeshauptstadt und vor dem Finanzminster der Landesregierung versuchte ich, den alten grimmig gewitzten Schwaben Thaddäus Troll in den zurückzuverwandeln, der er in Wahrheit war, nämlich vom willkommenen Lustigmacher Stuttgarts in einen listigen Polit-Erzähler der Deutschen, in einen Letzten der litérature engagée - in einer Festrede zu Trolls hundertstem Geburtstag.

Wiederholt Szenen-Beifälle, anschließend, was ich so nie erlebt hatte, immerzu dankende Umarmungen all der Streiter gegen den Irrsinn des Milliarden teueren und lebensgefährlichen Schiefbahnhofs. Umarmungen oft in Tränen, auch von Eleonore, die Jahre lang Sekretärin des Troll war, und auch von den Troll-Töchtern und von dem, der die Uaufführung seines "Entaklemmer" in Regie hatte - während in derselben Nacht drüben, zwischen Freiburg und Mulhouse, die Aktivisten die Türme erkletterten. "Risiko für die Welt" - - - :



 

 IM  RATHAUS:

Verehrte Troll-Versammlung,

hierorts sollte bekannt sein, was Trolle sind. Und wie sie so sind und warum. Dass sie Prüfungen sind. „Schlag nach bei“ : Ibsen. – PEER, GEH ANDERS HERUM! – Im "Peer Gynt" sind Trolle mehrheitlich solche, die am liebsten auch in Norwegens Gebirgswildnis die Kehrwoche wollen würden. Aber der Thaddäus, der war unter den Trollen ein Anders-herum-Geher. Und wahrlich notwendig wäre der. Hier. Und jetzt. Nicht nur im Schriftstellerverband. Dort hab ich ab 1975 viel mit ihm zu tun gehabt, in seinen letzten fünf Lebensjahren, mit dem Sprachmeister, dem Sprechmeister. So liberal war er wie links wie konservativ – sogar mal „Parteigründer“ („Radikale Mitte“!) – Anstöße gab er – nicht nur dass ein Schriftstellerhaus entstand in der Kanalstraße – Anstöße auch fürs Urheberrecht, für Buchpreisbindung, für die Menschenrechte. Für not-wendige neu-alte Sichtweisen, fast so was wie ein Letzter war er für litérature engagée. Indignez vous! Empört euch! Ja, für mich war er wie eine Verkörperung von Witz, Widerstand und List, und er gehört in kein Museum, sondern bleibt verblüffend aktuell – ist jedenfalls kein Dichter als Zierschleife in unserer Verpackungs-Gesellschaft. Und am Weltüberwachungsmarkt.

Im Verband hatte ich mit ihm überraschend eng Kontakt, obwohl von mir nur erst ein Buch existierte, attackierende Sozial-Geschichte aus dem größten deutschen Stadtgebilde, dem Ruhrgebiet, in kaputtem Deutsch – „Wer hört die Karre vorre Tür?“ – „Karre“ meinte in Essen auch Stuttgarts gestirnte Limousinen. Und zu Stuttgarts heutigen Problemen wäre bei mir höchstens zu lesen gewesen: Säpps in Schuld! (Deutschland, deine Ruhrleute) – einer mit Kaputtdeutsch also bekam zu tun mit Schwabens Wortvirtuosem – und der rühmte plötzlich meine RuhrHure – aber auch der nutzte ab 1975 verstärkt Deutsch in der frühesten Bedeutung, Leutedeutsch. – Und mir wird immer klarer, was der jetzt und hier wünschen würde. Abkehr, Umkehr.

 

Wie ein barocker Bußprediger zog der durchs Ländle, hierorts schäme sich sogar der Schnee, nicht genügend schwarz zu sein – und: Schluss mit Waffen an Diktaturen! Kampagnen hatte der gemacht, mit Grass, Böll, Walser, für den Eintritt der Autoren in Gewerkschaften. Kampagnen für Willy Brandt, für den politischen Sprechmeister, der sie durchschaut hatte, die Gefahr der Dichter, zu enden als (Zitat Brandt) „Randfiguren der holzverarbeitenden Industrie“. Und ich Anfänger nun vor diesem Wunderbaren, ja, scharfzüngig war er, aber – verletzend nie. Nirgends schwarzer Donnerstag. So was wie „Mappus-Mafia“, das hätte er nie gesagt, dieser Menschenfreund. Es sei denn, die Sachlage hätte es gefordert.

Zuletzt nicht mal mehr aufbrausend war er, sondern – sanft sachkundig. – Mit Röntgenblick, fürs Absurde. Und just deshalb, hilfreich wäre der, jetzt, für Stuttgarts VerFahrenheit. Und ich höre ihn ja reden: Würde gegen alle Fakten dieser Schiefbahnhof wirklich realisiert, entstünde für Europa tatsächlich ein Verkehrs-„Knoten“. Ein Infarkt. Als Lachnummer? Reflektiert hätte er über des Menschen abgründige Fehlbarkeit. Und Hörigkeit. Über auch des Schwaben Genialität im Wegdrängen von Realität. Hätte - leise - gemurmelt: „Fortschrittsbesoffenheit. Sinnvoll nicht mal für die, die sich dran kaputtverdienen.“ – Heilandzack, diesen Troll, jetzt betigte ihn diese Stadt der Trolligen, diesen Meister der Meinungsfreiheit. – Was ihm nun wohl einfiele dazu, dass vom Berliner Kanzleramt zwei Milliarden durchgewunken wurden – für zwei Millionen Mehdorn-„Möhrchen“? oder dazu, was nun alles beim Bayern FC unter dem Teppich bleiben darf, seit der Boss dort die Verlängerung der Ermittlungen so aufrecht abwendete. – Ach Thaddäus. Du mit Deinen Erfahrungen im Südfunk, ich mit meinen im Südwestfunk. Da war ständig auszutauschen. Wie sehr ihn immer gefreut hat, dass ich Unterhaltung „Untenhaltung“ nannte.

 

Troll ein UrSchwabe? Vor laufender Kamera sagte er mir, er sei „gesamtdeutsch“. Sein letzter Wein, an seinem letzten Tag, war ein französischer. Operierte gern auch mal mit Eidesformeln des römischen Rechts: „Schaden abwenden“! – Und mich, den Ruhrpottmann spornte er an, zum Reden – bekam plötzlich mehr Stimmen als er, bezog im Autorenvorstand seinen Posten, stieg sogar auf in den PEN – konnte dann ermitteln, wer mich da befördert hatte – der Schwabe den Ruhrpottmann. Dank Jörg Bischoffs Biographie ist nun vieles nachlesbar, Troll wollte „die Arbeit in jüngere Hände legen“, Rückzug, Nachlassen der Kräfte. Ja, „Depression“. Und das ist meist ein Tribut ans unfassbar Reale – etwa an alles idiotisch wechselseitige Gedrohe – damals mit Wett-Hochrüsten – aber auch das Zusammenlegen von Sendern, mit Rückbau der Kultur-Programme, in Stuttgart wie Baden-Baden. – Und in den Aufsichtsgremien der Sender? Inkompetenz. Intendant Bausch für Troll noch ein Glücksfall. – Dagegen mein Schwarzwaldfunk: Wenn da 1945 hoch im Wald über dem Weltbad ein Funkhaus entstand, gegründet von Franzosen und Künstlern – Heinrich Strobel, Carlo Schmid, Alfred Döblin, der erste Intendant ein Hörspielkünstler – dann sollte das doch dort hinten im Wald ein Sender sein für Kultur – und? was wurde daraus? Ein Quoten-Druck-Fehler. Unten-Haltung. – Einig waren wir uns, dass die Sender am Kopf faulten, und das blieb so, wo jetzt wieder Qualitäten weg sollen, die noch von Bert Brechts „Badener Lehrstücken“ stammen: ein Welt-Orchester - weg, Donaueschingen, Brutstätten von Hindemith und Eisler bis Strawinsky, Boulez, Maderna, Nono, Ligeti, Lachenmann undundund – damals hörte er mir geduldig zu, resigniert nickend, was alles mein Literaten-Stammtisch „Café Größenwahn“ mal wieder nicht hatte senden dürfen, Gedichte, von Fried, von Andersch oder dass bei einer kommenden Bundestagswahl von zehn Großdichtern keiner für einen Kanzler Helmut Schmidt war, aber alle zehn gegen Strauss (für Strauss ließ sich einfach kein Schriftsteller auftreiben), auch das sollte prompt nicht über den Sender, war „nicht ausgewogen“. Für Rundfunkrat Dr. Hans Bayer war „ausgewogen“ identisch mit Langeweile. So was schoben wir uns nun ständig hin und her, Verstöße gegen die Staatsverträge der Sender. Die verlangen „Staatsferne“, und fordern seit je drei Aufgaben: Information, Unterhaltung, Kultur. Doch in Stuttgarts Rundfunkrat hatte nachweislich nur einer Kultur-Kompetenz.

 

Geschliffen war der seit 1945 von Werner Fincks satirischer Zeitschrift „Wespennest“, dann vom „Spiegel“, dann von Düsseldorfs Kom(m)ödchen – und wahrlich auch von seinen sechs Jahren als Kriegsberichter, als Opfer und als Techniker der Nazi-Propaganda. Was ihn traumatisiert hat. Überlebt hatte er das „in Angst“, so hat er’s mal kurz seiner Freundin gestanden. – Zu einem Drittel fordern also die Staatsverträge Kultur. Ergo müsste im Sender jeder dritte Aufsichtsrat Entsprechendes vorzuweisen haben, das war uns klar – doch eben jetzt war wieder mal 15 Jahre lang in der SWR-Aufsicht kein Schriftsteller – der Sender also staatsnah, aber sprachfern? – just das sei das Problem, sagte schon Troll und sah die SWR-Aufsicht so wie kürzlich Uwe Seeler die Aufsicht seines HSV, nach sieben Niederlagen hntereinander, Zitat Seeler: „Ahnungslose kämpfen um den Abstieg“. Genial, hätte Troll frohlockt, der alte Mittelstürmer hatte ja so was von recht: Rundfunkrat wie HSV: „Ahnungslose kämpfen um den Abstieg“. (Uns Uwe meinte natürlich gegen, sagte aber um und formulierte so Wahrheit im Troll-Format.)

Trolls Scharfblick benötigen wir dringend, gut täte der, bitter not, auch anderswo. Obenhalter statt Untenhalter. Typischer Troll-Plot wäre jetzt, dass er erzählte, wie dieser oder jener Bahn-Chef die eigene Bahn meidet. Zugunsten gestirnter Limousinen. Weil für diese Herren „Energiewende“ offenbar eher eine Mär des Mittelalters ist. – Auch an diesem Montag sind sie hier ja wieder unterwegs, die Natur- und Stadt-Schützer, Wissenschaftler, Unternehmer, Anwälte, Theologen, Ingenieure. Eisenbahn-Liebhaber! Troll hätte gesagt: Nein, das ist keine Politik-Verdrossenheit. Das ist: Politik-Sehnsucht! – Höchstens Partei-Verdrossenheit ist das. Denn es fällt schwer, mit ansehen zu müssen, wie da Parteien, die man mal gewählt hat, brav, unendlich brav auslöffeln, was andere ihnen einbrockten. Und dies Dauergemurmel von Verträgen anhören zu müssen, von Verträgen, die einzuhalten seien (Immobilien-Verträge, Bahnverträge), da hör ich ihn fragen: Wo bleibt der Ausschuss, der dokumentiert, wie die entstanden sind!

Befreiende Geschichten wüsste der vom Verträge-Kündigen – weil das Dach unsicher ist, weil der Keller voller Wasser steht – voller Mineral-Wasser? – Ja, auch beim Nesenbachwasser wäre er sanft sachkundig, dieser Seifensiedersohn aus Bad Cannstatt – der Genussmensch – der Wahrheit genoss und für demokratischer hielt – nicht Mehrheit. – Nicht verletzend, sachgerecht bliebe der und würde erzählen, von der Lebensgefahr im viel zu engen Schiefbahnhof. – Deutschlands bislang bestfunktionierender Bahnhof vor dem Rückbau zum Nadelöhr? von 16 auf 8 Gleise? – Mit 60 Tunnelkilometern und nicht unter Straßen, sondern unter mehr als tausend bebauten Grundstücken der Trolle! – Die Bahnsteige nicht nur zu eng, sondern auch die Neigungswinkel lebensgefährlich. – Und dies neue Gutachten? die Parameter längst veraltet, pure Pro-Propaganda. Deutschland, deine Großprojekte. Unter all seiner Lachlust, er war ein Ernster, ein Sozialer, ein Politischer. – Die Bahn rühmt bekanntlich als „West-Ost-Achse der Zukunft“ die schnelle Reise von Paris nach Bratislawa. Bislang bringt zum Glück den rasenden Reisenden immer noch ein wohltätiger Kopfbahnhof kurz zur Besinnung.

Ach, wer fürs Kleinliche und Enge ein so geniales Bildwort gewusst hat wie das vom „Entaklemmer“ (der also, ehe ihm auch nur ein Enten-Ei entgeht, seine Tierchen in den Hintern kneift), was wohl wüsste der nun fürs Gegenteil, fürs Vergeuden! – Auch dafür, dass auf dieser grandiosen West-Ost-Bahn schier nichts mehr zu sehen sein soll von der wahrlich einzigartigen Stutengarten-Stadt – nicht Fernsehturm, Weinberge, Hochbauten, Riesen-Bäume, sondern ausschließlich Tunnelschwärze. – Tja, wenn jetzt tatsächlich keine Umkehr käme, dann gäbe Troll ihm vollends recht, dem aufrechten Seeler: Ahnungslose kämpfen um den Abstieg. – Ich hör ihn auch fragen, warum kein Regierender die Warnungen des Hermann Scheer nutzt – Träger des alternativen Nobelpreises für Wirtschaft – die Warnung, dass Atomkraft nicht nur die gefährlichste von allen Kräften ist – dauerhaft todesgefährlich – , sondern auch die bei weitem teuerste Energie. Fatal un-wirtschaftlich. Weil seit je die Folge-Kosten weggerechnet wurden. Weggelogen.

Ach Thaddäus – Dein letzter Herbst – Herbst 79 – das war Dein letzter Literatur-Preis – drei Monate in Soltau – bei Lüneburg. King Lear auf der Heide. – Auch ich war mehrere Wochen in Soltau – vom Kampfgelände Fallingbostel dröhnten Panzerschüsse herüber. Auch das kanntest Du. – Damals konnte der Osten den Westen 30 mal vernichten – der Westen den Osten 40 mal. – Und Du kanntest auch„Volks-Ab-Stimmungen“ – wo, so hör ich Dich, bleibt auch für die Abstimmung der Ausschuss, der klärt, was denn dem Volk gesagt worden war. Heftig würdest Du Freund Conradi zustimmen: Volksabstimmungen setzen kein Recht außer Kraft, kein Strafrecht, kein Planungsrecht, kein Haushaltsrecht. Auch keine Sicherheits- und Brandschutzregeln. Aber wie sagte es der Landesvater? Der Käs sei gegessen. Da hör ich Dich ächzen. Derart missratenen Käs, den schluckt man einfach nicht! den er-bricht man, kotzt ihn aus, der ist als Wirkstoff ver-heerend – auch im Leib der Stadt. So etwa hätte er’s gesagt, der Genussfreund, der Menschenfreund.

 

In seinem letzten Herbst: frühe Mühen mit den „neuen Medien“. – Und? die Bilanz? Erfolgsschriftsteller, aber wirkungslos. Noch mehr Mordwaffen an Diktaturen, auch aus dem Ländle. – Nirgends Umdenken. Sondern Verdrängungsgesellschaft. Thaddäus, Du Andersherumgeher, Du standest ganz oben auf meiner Gäste-Liste fürs „Literatur-Café Größenwahn“, für litérature engagée, für diese selten gewordene Sorte Literatur warst Du einer der letzten fabelhaften Vertreter. „Empört Euch!“ hat kürzlich noch mal einer mit über 90 gerufen, ein Deutsch-Franzose. Doch Du? – warst plötzlich weg! – Wie Dein Vorbild? wie Tucholsky? – Aber so einen wie Dich – den brauchen wir! – dringend  – – – oder aber – könnte es sein, dass Du hier – wenigstens in dieser Stadt – doch noch – lebst?

 

 

IM Rathaus

 

 

 



VORM Rathaus




ANGSTRÖHRE STUTTGART

Kassandra-Rede, vor fast 3000 Zuhörern, 5. Mai 2014, 220ste Montags-Demonstration

 

Liebe Freunde des Kopfes – Stuttgarts Bahnhof kenn ich seit über 70 Jahren, seit ich Kind war in Essen, in der Krupp-Stadt, damals Europas größter Bergbaustadt. Weil es 1940 Penicillin noch nicht gab, musste ich mit meiner Lungen-TB immer mal in die Alpen, in die damals bessere Luft. Das ging per Bahn, und über Stuttgart, und ich höre noch, wie die Mutter, als sie gefragt wurde, wie sie das schaffe, so oft so lange Fahrten mit einem 4- bis 7jährigen, da hör ich sie noch reden: „Man muss ihn ja nur ans Fenster setzen, dann ist er still.“ Der rasende Reisende, auch heute noch kann er in Kopfbahnhöfen kurz zur Besinnung kommen, damals war bei mir in Stuttgart offenbar Schluss mit Stillsein, ich soll die Mutter gefragt haben nach den „stachligen Bergen“ vor oder hinter dem Bahnhof. Und hab ihre Antwort schlicht nicht kapieren können: „Weinberge“. Sollten auch Berge „weinen“ müssen? über bombardierte Häuser und all das Rätselhafte, was vom Zug aus zu sehen war? Zum Weinen ist heute jedenfalls, dass dies einzigartige Stuttgart künftig überhaupt nicht mehr zu sehen sein soll. Nur noch Tunnels. Ausschließlich Schwärze. Könnte es sein, hier wird sich geschämt? Weil am Bahnhof nicht mehr nur grandiose Bäume stehen, sondern immer mehr Wände aus Banken-Beton, die mehr und mehr Platz wollen und Euro?

 

Heute wohne ich in Freiburg. Dort hat man Erfahrungen mit Stuttgart. Zur Zeit geht’s da um Raub, um Kulturvernichtung. Freiburg wird ein Schatz in Richtung Stuttgart verschleppt und zerstört, ein einzigartiges Orchester, mit Tradition zurück bis Brecht. Eine andere Geschichte? Scheint nur so. Landesväter operierten schon immer gern mit Lügen, in Baden würden die Lichter ausgehen, wenn nicht auch bei Freiburg Atomkraftwerke stünden. Filbinger, Teufel, Späth wollten neben Freiburg ein AKW, beim untergründigem Vulkan Kaiserstuhl, wo die Erdkruste unruhig ist, wo aber auch Franzosen ein AKW bauten, in Fessenheim, im Rheingraben, in dem vor nur einer Sekunde der Erdgeschichte die Stadt Basel zerfiel, über einem Beben – „Baseler Totentänze“. Wenn in der nächsten Erdsekunde ein Beben Fessenheim trifft, dann, beim üblichen Südwest, weht die unsichtbare Atomwolke nicht nur nach Freiburg, sondern auch nach Stuttgart. Doch die Landesväter wollten Atomkraft. Blind für Spät(h)-Folgen. Und der derzeitige Regent möchte ein Problem lösen, das gar nicht lösbar ist, die sichere Aufbewahrung nuklearen Mülls. Wie wär’s wenigstens hier mal mit Ehrlichkeit. Dies Hunderttausend-Tonnen-Problem ist nämlich auch ein Hunderttausend-Jahre-Problem. Auch noch nach Fukushima wird das hirnlos verdrängt. Auch dass in Fukushima im Unglück unheimliches Glück war, die Todesluft wehte auf den Pazifik, nicht nach Tokio. Wie denn hätte man sie evakuieren sollen, die 30-Millionen-Stadt. 

 

Gegen das nicht zuende Gedachte der „sauberen“ Energie Atomkraft protestierten ab 1970 Deutsche und Franzosen gemeinsam. Und erfolgreich. Bremsten zwar nicht Fessenheim, aber das AKW Wyhl auf der deutschen Seite. Damals entstand rings um Freiburg die Bewegung der Grünen mit all ihren Gegen-Ideen, nicht nur zur Energie-Gewinnung. Doch über die Hauptstadt hinter dem Schwarzwald war in Freiburg immer neu zu staunen. Früh etwa über einen Minister für Kultus – der auch als Fußballchef Bedenkliches leistete, nämlich den zu vergraulen, der dann als Trainer der National-Elf Bestmögliches tat – als Minister beschimpfte der VFB-Boss unsere Schüler. Die sollten aufhören, mit ihren Eltern auf die Seychellen zu reisen, sollten lieber lernen. Zum Beispiel wo der Neckar in den Rhein mündet, nämlich in Heidelberg. Gleich drauf konnte ich in einem meiner Filme Schloss und Neckarwiesen zeigen und fragen, wo er denn in Heidelberg nun sei, der Rhein. So weit Stuttgarts Minister für Kultus.

 

Staunen löste dann noch mehr aus, wie 1994 auch Stuttgart – neben Berlin und Hamburg – ein deutsches Großprojekt startete, für viele Milliarden "S 21", mit einer Bahnstrecke, die wenige Minuten schneller nach Ulm bringen würde. Zwar sei die Anbindung an den Flughafen nicht gelöst (ist sie bis heute nicht), zwar würden Güterzüge die Steigung aus der neuen Stuttgarter Tiefstation empor zum Flughafen gar nicht schaffen, Güterzüge dürften also weiter die schönen Kurven von Geislingen umrunden. Da hatte Freiburg Probleme, Stuttgarts Kühnheit zu verstehen, einige nettere meinten, die Milliarden Richtung Ulm brächten aber glückliche Minuten für eine damals regierende schnelle Ulmerin, und sie gönnten ihr das.

 

Doch wozu ein Durchgangsbahnhof? Kopfbahnhöfe schmücken. Paris zum Beispiel, Wien. Auch München, Leipzig, Frankfurt. Und der Stuttgarter gilt als best funktionierender. Fortschrittsmärchen drangen durch den Schwarzwald, Sagen von einer Ost-West-Achse Paris-Bratislawa. Auch sah man von der Tiefstation brillante Architekturbilder. Gegen die Zweifel kam’s zur Volksabstimmung und siehe, das grüne Freiburg stimmte ganz und gar anders ab als die zukunftsberauschte Hauptstadt, in meinem Freiburger Stadtviertel mehr als zu 80 Prozent anders. Doch über den Supertiefbahnhof entschieden auch fernste Dörfer, dort, wo laut Thaddäus Troll sogar der Schnee sich geniert, nicht genügend schwarz zu sein. 

 

Dabei will ja auch Freiburg Fortschritte, nur andere, in Sachen Energie-Gewinnung, weil, so mahnte der alternative Nobelpreisträger Hermann Scheer, weil nichts so unwirtschaftlich ist wie Atom-Energie und nichts so folgenreich. Weil, was anfangs „sauber“ schien, todesgefährlich bleibt und am Ende unbezahlbar. Auch Bahn-Fortschritte wollte Freiburg, vor allem für Europas zentrale Nord-Süd-Achse, von Hamburg, Holland, Ruhrgebiet, Köln und Frankfurt nach Basel, Zürich, Mailand, Genua, für die Achse also, die am Oberrhein seit Langem auf vierspurigen Ausbau wartet, auf Anbindung an den neuen Gotthard-Basistunnel – stattdessen mühen sich zwischen Basel und Frankfurt auf meist nur zwei Spuren die ständig zahlreicheren Güterzüge plus Nahverkehr, InterRegios, S-Bahnen, ICs und ICEs, das quält sich von „Signalstörung“ zu „Signalstörung“ durch den Rheingraben, der breit genug wäre für neue Spuren.

 

Doch Freiburg bekam Belehrungen, jetzt von Stuttgarts ExLandesvater Öttinger. Der erschien in Freiburgs Uni, nun als Europa-Minister, und erklärte im größten Hörsaal, warum Stuttgarts Kopfbahnhof weg müsste, warum nur ein Ort wie Paris Kopfbahnhöfe brauche, weil ja hinter Paris nur noch Viehweiden kämen und der Atlantik. So weit der deutsche Europa-Minister. Auch der half Freiburg nicht, zu begreifen, was in Stuttgart eigentlich vorging und warum am ansehnlichen Kopfbahnhof, warum am Bonatz-Bau schon mal die Flügel weggeschnitten wurden. Hatte doch sogar CDU-Mann Geissler, als er genügend informiert war, eingesehen, dass der Kopfbahnhof bestens kombinierbar wäre mit sinnvollen neuen Strecken.

 

Ach, wo sind heute noch Flügel. In dieser anerkannt klugen, jedenfalls cleveren Stadt, da soll seit nun 20 Jahren etwas entstehen, das erscheint mir wie pure Kopflosigkeit. Offenbar grassierte 1994 auch in Stuttgart neoliberaler Tatendrang, für Thaddäus Troll Fortschrittsbesoffenheit. Und die benebelte wohl so sehr, dass ein haarsträubendes Geldvernichten starten konnte, ausgerechnet in Stuttgart. Seit damals wird hier geträumt von einem enormen Bahnhof, der für 2 Milliarden DM zu haben sein sollte (20 Jahre später ist „S 21“ ums zehnfache teurer). Anfangs löste das offenbar einen Rausch aus, bei Bahnfreunden, bei Architekturfreunden, auch bei Spekulationsfreunden, ja, S 21 versprach sogar einen Image-Triumph fürs „made in Germany“. Doch inzwischen scheint das zu verkommen – zu einem Mahnmal in Sachen Fehlplanung und Korruption. Wie konnte das passieren. Sind die Bahnchefs Dürr, Mehdorn und Grube einem Phantom erlegen? Alle drei priesen „große Kapazitäts-Zuwächse“. Noch bei der Volksabstimmung durfte man glauben, damit sei gemeint, der Neue leiste weit mehr als der Bestehende. Inzwischen ist die Enttäuschung groß und bitter, der Neue wäre ein Rückbau. Mindestens 30 Prozent weniger Leistung. Der wäre nicht nur kein Bürgerbahnhof – weil er den Bürger schädigte – , der wäre nicht mal ein Börsenbahnhof. Gewinnwarnung! Keine Rendite, weder fürs Gemeinwohl noch für die Bahn. Und für Börsenhaie nur sehr speziell. Volker Lösch hat daran erinnert, dass alle 3 Bahnchefs von Daimler kamen. Daimler hin oder her, schon rein wirtschaftlich erwiesen sich die Bahnhofsträume als Irrtum.

 

Wofür diese Tunnels? wofür die Tiefstation? Für „Kapazitäten“? Anderswo fehlt Geld, nerven Langsamstrecken, fehlen Weichen, der „Kaputtsparer Mehdorn“ („Die Zeit“) litt offenbar an Weichen-Allergie, hielt Nebenstrecken für überholt. Ist das Daimler-Denken? Denn die Bahn zu ruinieren, das tut ja was für den CO2-Verkehr, zu Lande wie in der Luft. Geld fehlt für fast tausendfünfhundert marode Bahnbrücken, auch am Essener Hbf war plötzlich Schluss mit schnell, denn seit der alten Gier nach schwarzem Gold lauern auch unterm Kohlenrevier chaotische Hohlkäs-Tunnels, und nach Mehdorns Personal-Einsparung überraschten im letzten Sommer am Hbf Mainz Stellwerk-Schrecken. ICEs rauschten wochenlang an Mainz vorbei. Wo, bitte, ist da „Kapazität“? In Stuttgart? – dort hat jetzt, wie sie sich selber nennt, die „große Familie der Tunnelbauer“ Platz genommen an einem reich gedeckten Tisch, mit gigantischem Auftragsvolumen. Wofür gebürgt wird. Mit Steuergeld. Das Regierungspräsidium nannte Bahnhofs-Kritiker „schaumgeboren“, spinnert, weil für die "S 21" sogar als klimaschädlich nannten. Ist halt schwer zu schlucken, dass der Neue, würde er realisiert, nicht annähernd so viel leistete wie der Bestehende, dass dieser TiefTraum mehr PKW-Verkehr produzierte. Und als wollte die Bahn das Daimler-Konzept nur bestätigen, plant sie nun auch das Ende der Autoreisezüge: alle Autos zurück auf die CO-2-Strecken.

 

Noch mal: wo sind heute noch Flügel. Als jetzt am 9. März auf allen neun Rheinbrücken zwischen Basel und Straßburg wieder protestiert wurde gegen die tödlichen Zumutungen unter den Tarnnamen "Meiler" und "Kern"-Kraft, da geriet ich vor dem AKW Fessenheim zwischen Tausende Franzosen, die riefen die Parole des 90jährigen Deutsch-Franzosen Hessel: indignez vous! „Empört euch!“ Neben mir stand da ein junger Mann, Laurent, lange Haare, ein Elektrotechniker, der wohnte in Fessenheim und betrieb im Schatten des AKW eine eigene Energie-Firma – hier ist seine Visitenkarte: „Photovoltaik“ betrieb er – direkt neben dem Monstrum, so wie auch ihr hier direkt vor dem Rathaus protestiert, in dem zugelassen wurde, dass einem großartigen Bau die Flügel abgeschnitten wurden. Und was steht auf der Visitenkarte des jungen Mannes? Donnez des ailes à vos projets – gebt Flügel eueren Projekten! – Ja, Flügel wünsche ich auch euch hier, beflügelt zu sein von so einem mutigen Kerl mitten im Land der 58 Atomkraftwerke, Flügel, um Stuttgarts Schiefbahnhof zu entlarven als makabre Absurdität, als völlig überflüssig und, ja, als Todesfalle mit Fluchtwegen, die viel zu eng sind und zu wenige, dafür viel zu viele Treppen, mit viel zu vielen Stufen, jede Treppe 3 Stockwerke hoch, die Bahnsteige lebensgefährlich schmal, die Lifts zu wenig und zu eng – überfällig, diese Angströhre nicht nur als unendliches Milliardengrab zu durchschauen, sondern als Menschenfalle, mit unzulässigen Neigungswinkeln, riskant für alles, was auf Rädern kommt, ob auf Rollstühlen oder in Kinderwagen. Wenn es da beim Umsteigen in der ja sehr sorgfältig durchkalkulierten Minuten-Eile, wenn es da auf den Treppen zum Stolpern und Stürzen kommt, da lese ich schon: „menschliches Versagen“ – Omma wa säpps in schuld, so klingt das im Ruhrgebiet. Nein, kriminelles Versagen geschieht dort, wo solche Bahnhöfe genehmigt werden. Allzu gut kenne ich inzwischen selber das Zittern auf fast 80jährigen Beinen, beim treppab in Hetze. Der Kopfbahnhof dagegen hat angenehme Passagen, von Bahnsteig zu Bahnsteig auf gleichen Ebenen, hat Ausgänge nach allen Seiten, diesen Klasse-Bau zu ersetzen mit einer Tortur aus Stress und Hetze, DAS ist menschliches Versagen! Würde das gegen alle Vernunft realisiert, würden Bahnreisen zur Nervensache, nicht nur für Ältere und Behinderte, auch für Familien, Reisegruppen, Klassenfahrten, dies Gewirr aus 7 m hohen Treppen, endgültig tödlich im Brand- und Katastrophenfall. „Verschlankter“ Bahnhof, von 175 Metern Breite auf  75 Meter, wirksames Ziel für Terror-Idioten. Auch nach 20 Jahren „Planung“ ohne einleuchtendes Evakuierungskonzept. Stattdessen gibt es zum Glück noch immer die sichere, die sinnvolle Alternative.

 

Flügel wünsche ich auch gegen die 60 Kilometer Tunnel, nun nicht mehr unter Straßen wie bei den S-Bahnen, sondern unter bebauten Grundstücken: Die Zukunft diese Stadt als Epoche von Prozessen mit Stuttgarts Haus- und Grundbesitzern? Wunderbar. Flügel aber wünsche ich vor allem gegen das Nadelöhr, das nicht erst bei Katastrophen zur Angströhre wird. Statt der bisher 16 Gleise nur noch acht, Freiburg hat mehr – München hat 36 – die acht könnten den Andrang nie stemmen, erst recht nicht den künftigen. Dazu Peter Conradi: „Volksabstimmungen setzen kein Recht außer Kraft! kein Haushaltsrecht, kein Strafrecht, und keine Sicherheits- und Brandschutzregeln.“ Und auch keinen Schutz vor Betrug – lassen wir’s uns nicht länger bieten, dies Stottern von Verträgen, die beachtet werden müssten. Wo bleibt der Ausschuss, der untersucht, wie diese Verträge zustande kamen, unter welchem Druck, nicht nur unter Zeit-Druck. Kosten wurden immer erst dann offengelegt, wenn alles unterschrieben war. Was bei der sogenannten Volksabstimmung noch 4,5 Milliarden kostete, das kostete nur zwei Monate später 50 Prozent mehr. Diese zwitterhafte Bahn kann offenbar alles durchmogeln, mal ist sie staatlich, mal unternehmerisch, mal geht’s ums Gemeinwohl, mal um Gewinn, und dann schiebt ein Pofalla 2 Milliarden aus dem Kanzleramt ins tolle Image-Projekt und bekommt sein tolles Pöstchen. Wie aus dem Lehrbuch für Korruption. Da resignieren sie, die Freiburger, in Stuttgart sei halt alles clever, der Schiefbunker dort, der wird halt gebaut, nix zu machen. Wirklich? Ein Rechtsstaat, der sich nicht wehrt, ist keiner mehr.

 

Wo hilft nun noch parlamentarische Opposition? Außerparlamentarisch opponieren hier Montag für Montag Eisenbahn-Fachleute, Unternehmer, Ingenieure, Anwälte, Wissenschaftler, auch Theologen. Mit eindrucksvollen Plakaten, zum Beispiel seh ich da die 4 „T“ im Wort „Stuttgart“ als Galgenkreuze, mit den letzten Worten des Jesus, nur das Wort „nicht“ ein wenig woanders: „Herr, vergib ihnen nicht, denn – sie wissen, was sie tun.“

 

In Freiburg wurde in großer Hoffnung RotGrün gewählt, in meinem Freiburger Wohnviertel zu mehr als 80 Prozent. Die sich christlich nennen, wozu sollen die noch opponieren, können getrost zuschauen, wie RotGrün gehorsamst auslöffelt, was die sogenannt Christlichen ihnen einbrockten. Hartnäckig murmelt der derzeitige Landesvater „Verträge“! „Mehrheit“! – als hätte die Mehrheit gewusst, um was es hier geht (kurz nach der Abstimmung, wie in Verwirrung, wurde ein grüner OB gewählt). Im Schwabenland der Philosophen gilt plötzlich Mehrheit als Wahrheit?

 

Soll denn diese trübe Giergeschichte erst das Nesenbachwasser trüben und die Bäder von Bad Cannstatt? oder soll das so weit gehen, dass sogar derjenige, der formal derzeit Deutschlands Oppositionsführer ist, dass am Ende der wortgewitzte Gysi sich auch noch ums Ländle kümmern muss? Jesses, das alte Spottlied von der Schwäb’schen Eisenbahn, das versteh ich inzwischen als frühe Weissagung. Muss im Nesenbachtalkessel am Ende eine ganze Stadt flügellahm hinterdrein stolpern? fest „angebunden mit Kopf und Seil an dem hinteren Wagenteil“? 

 

So dass ein sehr ernster Infarkt Europas Lachnummer würde. Können hier Verantwortliche wirklich noch ruhig schlafen? Tiefenpsychologen sagen, dass Politiker insgeheim ihre Mühen belohnt sehen möchten, am Ende irgendwie vermerkt sein wollen im „Buch der Geschichte“ – also gut, ihr Kretschmann, Kuhn und Hermann, Schmid und Schmiedel, dann haltet Euren Schwur! Schaden abzuwenden! Der derzeitige Landesvater hat sich jetzt auf sechs Seiten Rechtfertigungen zurechtgelegt, manches Bisherige seien halt „Irrtümer“, aber doch wohl zu schlucken. Diese „Irrtümer“ operierten jedoch mit Lügen. Um den Abstimmungsbetrug zu gewinnen, waren zuvor falsche Kosten genannt worden. Irrtümer? Zu pfeifen ist auf die immer wieder väterlich beschworene „Projektfürsorgepflicht“. Dagegen zitiere ich jetzt mal folgendes aus dem tiefsten Gemüt dieser Stadt: „Seit so viel Geld im Land ist, sind die Menschen unredlich.“ Das schrieb kein heutiger Kulturphilosoph, das schrieb 1827 hierorts, und mitten im sogenannten Biedermeier, ein genialer junger Stuttgarter, der nur 24 Jahre alt wurde, Wilhelm Hauff. In seinem Todesjahr schrieb er das in seinem sogenannten Märchen „Das kalte Herz“. „Seit so viel Geld im Land ist, sind die Menschen unredlich.“ Zu lesen in meinen „Schwarzwaldgeschichten“, und anzuschauen hier nebenan, im Staatsschauspiel unter dem neuen Intendanten Petras. Denn in der Tat, Stadt, Land und Bahn bieten ein denkwürdiges Staatsschauspiel. Stuttgarter, lest eueren 24jährigen Propheten – und geht in Euer Staatstheater – und staunt. 

 

Wenn der Landesvater erklärt, „der Käs“, der sei halt gegessen, dann muss man diesen „Käs“ gar nicht erst madig machen, weil der längst grauenhaft verdorben ist, denn der wimmelt von Kostenlügen und Leistungslügen. Und übel riecht er, nämlich nach Wort-Bruch, ja, in Freiburg empfinden wir den „Käs“ als Verrat, sehen Grüne in peinlicher Nibelungentreue zu einem Projekt, das auch sie bekämpft hatten. Nach Fukushima war in Freiburg wie nirgends sonst grün gewählt worden, weil zu hoffen war, dass nicht nur Atomkraft mit ihren Horror-Spät(h)folgen, sondern dass auch der Horror-Bahnhof von den Grünen gar nicht erst gegessen würde, und wenn doch, dass die das dann auskotzten! Weil ja ihr Chef als Ethiker und Biologe wissen müsste, wie verheerend verwurmter Käse wirkt. Ruinös auch für den Leib einer Stadt – ach, was viele Freiburger nun umtreibt, so wie euch hier, das ist keine Politik-Verdrossenheit, das ist Politik-Sehnsucht.

 

Verträge mit Bau-Mafia und Investment-Gauklern können nicht nur, die müssen gekündigt werden. Weil diese Verträge durch Kostenlügen ohne Geschäftsgrundlagen sind, nicht legitimiert. Lügen nahmen auch der Volksabstimmung die Legitimation, machen sie nur noch zur Beleidigung für Wahrheitsliebende und Stuttgartliebende. Auch hat ja soeben Karlsruhe entschieden, dass auf der Basis von Wirtschafts-Kriminalität jede Abmachung ungültig wird, dass da überhaupt nichts mehr zu zahlen ist. Erst recht nicht für einen polizeiwidrig lebensgefährlichen Bahnhof.

 

Hinreißend, beflügelnd der Esslinger „Tunnelblick“ (Nr. 33) über den „dümmsten Bahnhof der Welt“: „Geschenkt wäre der noch zu teuer“. Ja, und weil der auch Menschenleben kosten würde. Und seit es nun nicht mehr nur um Finanzbetrug geht, sondern auch um Gefahr für Leib und Leben, seitdem ist eine rote Linie überschritten.

Rote Karte! Radikale Kündigung! Ehe ein überteuerter und sturz- und brandgefährlicher Kleinstadtbahnhof, kleiner als in Freiburg, ehe der diese Stadt lächerlich macht und ruiniert, sollte nun wenigstens einer der hier Verantwortlichen Flügel spüren, Mut fassen, vorangehen, das Zeitfenster nutzen – ja, er käme dann auch ins Buch der Geschichte – Schluss mit dem verlogenen, verfahrenen, menschenverachtenden Phantom-Bahnhof, ohne gültige Finanzvereinbarung, was auch die „Proler“ zugeben (die Bahnhofs-Befürworter). Schluss mit diesem Zwitter- und Geisterzug und tödlichem Betrugszug und endlosem Milliardengrab, Schluss mit der Alptraum-Angströhre! Selbst der schlaue alte Bergsteiger, als er alle Fakten der Gruft kannte, da riet er zur sicheren und stress- und barrierefreien Kombination von Kopfbahnhof und Fernstrecken – Schluss mit Daimler-Denken und Image-Idiotie, mit Stuttgarts Kopf und Seil am hinteren Wagenteil einer grauenhaften Gespensterbahn – zurück in den KOPF! Kündigen! Alles aussteigen! aussteigen aussteigen –





10. Juli 2014. - FREIES REDEN

Beim freien Reden, zumal vor vielen Leuten, verheddere ich mich, weil ich eigentlich drei Dinge gleichzeitig sagen müsste, genau genommen noch viel mehr als bloß drei. Aber das funktioniert ja leider nicht. Ich beginne beim "freien" Reden trotzdem drei oder mehrere Mitteilunggsversuche gleichzeitig und das schafft man in keiner Grammatik. So was funktioniert nur in Opern. Und nur in guten. Nur Musik kann das herstellen, Gleichzeitigkeit konträrer Gedanken und Gefühle. Das ist das Tolle an mehstimmigen Gesängen, an Opern. Auch gute komische Opern können das, ausgerechnet das Buffo-Fach bringt das fertig, mit wunderbaren Resultaten. Denn da kann gleichzeitig geträumt und intrigiert werden. Da wird gleichzeitig für und wider argumentiert. Kann sowohl Empörung tönen wie Begeisterung, zum gleichen Grund-Bass. Oper ist halt eine zeitlose Errungenschaft. Die funktioniert, wenn sie gut ist, dann arbeitet sie wie unser Hirn, das schon längst streiken müsste angesichts der nun sichtbaren und hörbaren global total vernetzten Welt.



Ende Juli 2014.

Das waren nun wohl meine letzten beiden Lesungen aus "Fessenheim". Am 11. Juli in der Uni Freiburg, in der der Aula, wo alles noch so aussah wie vor 50 Jahren, wo ich damals zu sehen bekam, wie Heidegger das Sein erörterte und Friedrich Maurer altes Deutsch sonor hören ließ, vor allem Minnesang und Zeilen-Wunder aus dem "Nibelungen"-Epos. Nun also ich auf diesem Punkt? In Freiburg, im Windschatten des Atomkraftwerks.

Und dann noch mal, am 16. Juli, in der "Landesgartenschau Schwäbisch-Gmünd", nicht weit vom AKW Gundremmingen. Und an beiden Orten vorweg, in Freiburg wie in Gmünd, jeweils dieses hier:


NICHT ZU ENDE GEDACHT (Zitat. Aus "Der Große Irrtum")

Unter den Ideen, die unsere Welt verändern, ist eine, die drauf und dran ist, diese Welt unbewohnbar zu machen. Auch in Deutschland wurde Atomkraft lange gefeiert, als technologischer Fortschritt, als „saubere“ Lösung fast aller Probleme, als geradezu wegweisend erschien sie gegen die Ruinierung des Weltklimas, als Energie, die nicht die Atmosphäre belastete mit Feinstaub und CO-2 und anderen Schäden, sondern die den industriellen Fortschritt schadstofffrei beflügeln würde. Freilich auch den Profit der Energie-Konzerne.

Warnungen vor der Atomkraft wurden verschleiert oder ganz und gar ignoriert. In einer offenbar unausrottbaren Fortschrittsbegeisterung lieferte auch die Wissenschaft so gut wie keine Hilfen, Einwände, von denen man sagen könnte, hier wurde die vermeintliche Errungenschaft ausnahmsweise zu Ende gedacht. Um es mal so knapp wie möglich zu sagen: Selbst für den Fall, dass die Regierung unseres französischen Nachbarn zu ihrem Versprechen steht, ihr ältestes und marodes Atomkraftwerk, 2016 den Doppelprozessor Fessenheim – unmittelbar am Rhein-Ufer bei Freiburg - abzuschalten, selbst für diesen Fall, auch mit dem Abschalten fingen neue Probleme massiv an, dauerhaft, sozusagen nachhaltig: Die Sache mit der Endlagerung. Die ist nicht nur ungelöst, die ist unlösbar. Immerhin, die Kanzlerin, ausgebildete Physikerin, als sie gefragt wurde, was sie eigentlich gegen Atomkraft habe,antwortete: „Da handelt es sich um eine Kraft mit unabsehbaren Risiken.“

Unabsehbar? Wissenschaft hätte das „absehen“ können, hätte das schon immer genauer sagen müssen. Obwohl diese Kanzlerin wiederholt öffentlich eingeschätzt wird als „die mächtigste Frau der Welt“, hat sich in dieser Welt am Einsatz der „unabsehbar riskanten Kraft“ nichts vermindert, im Gegenteil, Einsatz und Risiken stiegen und steigen. Global arbeiten derzeit 430 nukleare Kraftwerke. Gut 70 sind im Bau. Und weltweit gibt es inzwischen mehr als 300 000 Tonnen radioaktiv strahlenden Abfalls, mit tödlicher Wirkung für die Dauer von 100 000 Jahren. Oder länger.

Dass eine sichere Lagerung oder gar eine Beseitigung des Atom-Mülls unmöglich ist, bleibt ausgeblendet - weggelogen. Nicht nur von den Medien und Politik, auch von der Wissenschaft selbst, egal, wie leidenschaftlich einige wenige früh gewarnt hatten, Robert Jungk 1956. „Heller als tausend Sonnen“. Auch unter Granit, auch unter vermeintlich bombensicherem Tonschiefer müsste garantiert sein, dass so ein Endlager tausende Jahre lang gewartet wird, gepflegt, belüftet, entwässert, gesichert. Wie soll das funktionieren? 100 000 Jahre? Muss immer erst was passieren, bis was passiert?

Für unser tägliches Ignorieren ein unscheinbares Beispiel. In der Badischen Zeitung erschien ein Text darüber, dass die 300 000 Tonnen strahlenden Materials vergeblich auf ein sicheres Endlager warten, dass dies Problem „unlösbar“ sei – da druckte die Zeitung den Text zwar ab, nutzte aber in der Überschrift nicht das Wort aus dem Text, nicht das Wort „unlösbar“, sondern verwandelte das in „ungelöst“. Ungestört bleibt er, der Fortschrittsglaube, der Wahn vom Atom-Prozessor als „sauberer“, als beherrschbarer Energie.

Belastet werden nachfolgende Generationen, werden Atmosphäre und Grundwasser des Planeten in den kommenden Jahrhunderten. In kollektivem Versagen, in gemeinsamem Nicht-Zuende-Denken verschieben wir die Probleme in fernes Futur, hoffen wir mit Blindheit und Feigheit auf Lösungen in künftigen Epochen, glauben naiv an ferne Lösungen für diesen einzigartigen Himmelskörper Erde. Einzigartig ist er, weil auf ihm ein Wunder möglich war. Leben.

Lebensfeindliches für Grundwasser und Atmosphäre lauert nicht irgendwann in tausend Jahren oder so, das kann unerhört schnell zuschlagen und nicht nur in USA oder Japan, wo Prozessoren am Ozean stehen und ständig zu rechnen ist mit einem GAU. So ein „Größter anzunehmender Unfall“ – sag ich das jetzt mal so, dass auch unsere Markt- und Machtdenker das begreifen, anders als nach Markt- und Profitkriterien darf ja inzwischen gar nicht mehr gedacht werden, sondern wird man schon gar nicht mehr ernst genommen (1 Panzer, das macht 8 Arbeitsplätze für ein Jahr – so rechnete schon Kanzler Schmidt), also argumentiere auch ich nun mal rein wirtschaftlich und sage: ein solcher SuperGAU, wie er im Buch „Fessenheim geschildert wird, der wird un-be-zahl-bar.

Allein schon das Abschalten, also der jahrzehntelange Rückbau eines AKW wie Fessenheim kostet immens Milliarden, ohne dass deswegen Sicherheit gewährleistet wäre. Atomkraft ist letztlich UNwirtschaftlich. Endgültig ein Fessenheim-GAU, der wird berechnet mit Kosten von vielen 100 Milliarden Euro. Davon tragen die geringsten Anteile die bislang blendend profitierenden Konzerne, am wenigsten ihre Versicherungen. Den riesigen Rest tragen wir. Oder – unsere Nachkommen.

Ein AKW-SuperGAU geschieht am wahrscheinlichsten aus einer der folgenden vier Ursachen:

Erstens: Material-Ermüdung. Man rechnet bei Normal-Gebäuden gern mit durchschnittlicher Haltbarkeit von 30 Jahren. Viele AKWs nähern sich dem Alter der 50 Jahre.

Zweite mögliche Ursache:  Menschliches Versagen. Gut zu begreifen ist das im Buch „Der Reaktor“ der Französin Elisabeth Filhol. In „Der Reaktor“ berichtet sie aus dem INNEREN von AKWs, sie ist vertraut mit den komplizierten Abläufen in den hoch intelligenten Systemen, wo Missgriffe, wo Fehlschaltungen nicht nur wahrscheinlich sind, sondern – an der Tagesordnung. Eben jetzt kam raus, dass im AKW Leibstadt, am Hochrhein auf der Schweizer Seite, gegenüber Waldshut, dass da brave Handwerker an das Allerheiligste, an den innersten Mantel des Druck-Reaktors sechs Löcher gebohrt haben, Dübellöcher, „wanddurchdringend“, wie die Kontrolleure berichten, durch die 3,8 cm starke Stahlhülle – weil sie am Innersten des 1200-Megawatt-Siedewasserprozessors zwei Handfeuerlöscher festdübeln wollten – was lernen eigentlich heutige normale Leute über Atomkraftwerke? – vermitteln uns die Medien Eiapopeia fürs Hirn? Handfeuerlöscher. Eine Geschichte, so grausig wie komisch, eine neue wahre Lehr- und Lerngeschichte, wie vom Johann Peter Hebel.

Dritte hoch wahrscheinliche Ursache für einen größten anzunehmenden Katastrophenfall ist Terror. Da muss nicht erst ein Flugzeug zielsicher auf Kühltürme gelenkt werden. Ständig fahren zum Beispiel Schiffe an AKWs vorbei, an der unteren Elbe wie am Rhein oder auf Frankreichs Kanälen und Flüssen, Pötte aller Nationen, oft in Steinwurfnähe. Und wir wissen nicht erst seit den neusten Nachrichten über Isis, Irak, Iran und Syrien – es gibt immer mehr Zornbebende, die nicht nur Steine werfen wollen. Und die Isis im Irak fanden nun in Mossul auch radioaktives Material, zwar nur schwach aktiv, aber immerhin, ein Anfang.

Vierte mögliche GAU-Ursache ist: Die Natur. Weil im deutschen Südwesten Natur ständig neu auf rührende Weise verehrt wird, fand ich’s an der Zeit, dass alles derzeit Mögliche und Wahrscheinliche, dass ein GAU nicht nur endlich mal zusammenhängend geschildert wird, sondern dass so eine erzählende Hochrechnung sich strikt an Gegebenheiten hält, nicht an fantasy, sondern an Fakten, zum Beispiel an geologische – so dass bei einer solchen Erzählung nicht Schauerromantik waltet, sondern Phantasie, die Fakten kennt und nutzt. Zum Glück wurde ich im Studium nicht nur literarisch examiniert, sondern auch naturwissenschaftlich.
 

Hab mich also in der Schilderung eines größten anzunehmenden Unfalls konzentriert auf die Ursache „Natur“, vor allem auf erdgeschichtliche, auf Geologie, vor allem auf Tektonik, auf die Archi-Tektur der Erdkruste, ihre Stärken und Schwächen, ihre Geschichte. Natur als Ursache für einen GAU hat ähnlich hohe Wahrscheinlichkeit wie Materialermüdung, menschliches Versagen, Terror. In deutschen Parlamenten heißt es bei neuen Gesetzes-Vorlagen, man wolle veraltete Vorschriften „novellieren“. In diesem Sinn hab auch ich jetzt eine „Novelle“ geschrieben. Die Novelle mit dem Titel „Fessenheim“ dreht sich am Ende um das, was da in unserer großen Ohnmacht denn doch noch, trotz allem, auch jetzt noch zu tun wäre – gegen die „Apokalypse-Blindheit“ (diese Krankheit attestierte der Philosoph Günther Anders dem „modernen Menschen“: „Apokalypse-Blindheit“) – was denn jetzt überhaupt noch zu tun wäre gegen das nicht zu Ende Gedachte, gegen unsere hoch intelligente Hirnlosigkeit. Da gibt es dann zwei Vorschläge. Erstens: Freiburg bewirbt sich um den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ – den letzten deutschen Titel bekam Essen mit dem Ruhrgebiet, wo ich geboren bin und aufgewachsen und Erfahrungen beisteuern kann. Europas Kulturhauptstadt ist eine Auszeichnung, die von den Medien jeweils sehr beachtet wird. Und nun Freiburg, im Windschatten eines französischen Arom-Prozessors? das wäre ein Signal, eine denkwürdige Mahnung. Zweiter Vorschlag: Eine einzigartige Demonstration, 220 000 Freiburger, zusammen mit den Bewohnern der Umgebung eine halbe Million Menschen auf makabrem Alarm- und Flucht-Marsch: realistische Übung des größten anzunehmenden Unfalls.

Dies Buch also als letzte Warnung, als Kassandra-Ruf? Ich könnte jetzt sagen, in Wahrheit ist dieses „Fessenheim“ eine Liebesgeschichte. Sehr konkret. Hauptfigur ist ein junger Reporter, 23 Jahre, und dieser "B.B.", der liebt – nicht nur sein Leben und die verrückte Welt, sondern auf diesen 150 Seiten liebt er auch sehr konkret, drei Frauen, mit allem Drum und Dran, Vorher und Nachher, aber bei all dem – lernt er. Lernt sehr viel von Frauen. Zum Beispiel, was ein Beben ist, was Verwerfungen sind, die Erde als Geschöpf, Risse, Verletzungen in der Erd-Haut, am Oberrhein, am Hochrhein. Und er lernt Momente der Ehrlichkeit. In Sachen Energie wird seit Jahrzehnten entsetzlich und verhängnisvoll gelogen. Oder lieber gar nichts gewusst. Bei Politikern wie Medien, bei uns allen. Gelogen schon dadurch, dass wir sehr vieles gar nicht so genau wissen wollen, lieber vernebeln. Politiker wollen halt alle gemocht und wieder gewählt werden.

Ich lese jetzt den Anfang der Novelle, dazu eine kurze Fußnote. Wenn da als Stärke eines Bebens die Zahl 8 mitgeteilt wird, dann ist das eine Hochrechnung aus demjenigen Beben, das tatsächlich stattfand vor erdgeschichtlich nur einer Minute – 1356 unter Basel – was Basel ruiniert hat. Mal sehen, was in der nächsten Erd-Minute wahrscheinlich ist: ...




22. Juli 2014. - 111 Jahre (Mail)

In Sachen Mutter
 
 
Ihr Lieben, morgen, am 23. Juli, da hätte Elfriede (Friedchen, Friedel) Geburtstag, unsere Mutter, Großmutter, Schwiegermutter, Urgroßmutter, Großtante. Würde morgen 111 Jahre alt. So eine Zahl, das hätte ihr sehr gefallen. Dies einfach mal nur so, zur Erinnerung. Wie denn war sie eigentlich. Klavierstunden hatte sie einst, in Ahlen in Westfalen (“bei Lehrer Witteborg”). Weihnachten spielte sie gern Klavier und sang, an Karneval aber noch lieber. Gesellig war sie, “lebhaft”. Erzählte gern.
 
Liebebedürftig. Am Ende sehr einsam, fand ich. Und wirklich nicht einfach hatte sie’s. “Mit fünf Männern. Mein Mann zählt doppelt”. Und mit dem Alleridiotischsten quer durch ihr Leben, mit zwei Weltkriegen. Und mit einem ziemlich weltfremden Mann. Als der erste Horror begann, war sie elf, als der zweite anfing 36. Beim zweiten also viel jünger als Ben und David heute. 36 und mit 3 Kindern. In ihrem vierzehnten Jahr war ihre Mutter gestorben (“die hat gedichtet”).
 
Ich dagegen, ihr Nachwuchs, Nesthäkchen oder Solljunge, mit sehr engem und sehr langem Mutter-Kontakt. Als anfangs oft krankes Einzelkind einer RotKreuz-Mutter, DRK. Schon deswegen von ihr sehr verwöhnt. Denke oft an sie, merke, wie ihre Alltagswörter noch heute durchs Hirn geistern. “Einbildung ist auch ne Bildung”, “dass de meinst, en Pferd hätt dich getreten”, “einer von den Böbersten”, “benimmst de dich auch ordentlich?”, “fünf Mark finden oder verlieren, das sind schon zehn Mark Unterschied”, “besser ne Mark, als dem Pfarrer die Hand gegeben”, "ich hatte ja man bloß Vocksschule". In den letzten Jahren mehr und mehr schweigsam. “Da luer män up” – da kannste lange drauf warten.
 
Ihre letzte Nacht (April 90) im Heim mit einer Frau Hundertmark. Die betete mit den Sterbenden, auch mit der schweigenden Elfriede, Friedchen, Friedel. Als da diese gute Frau Hundertmark den alten Bibeltext sagte, wonach wir 70 Jahre alt werden “und wenn es hoch kommt, währt es 80 und dann wird es Mühe und Arbeit gewesen sein”, da sagte die 86jährige doch nochmal ein Wort. Ihr letztes. Sagte nur: “Das stimmt.”
 
Fiel mir heute früh beim Aufwachen ein, zusammen mit dem Datum. Mum, morgen feier du schön, meint dein “Jüngster”, derzeit 78.
 
 
 

Die Farben Schwarz-Rot-Gold sind inzwischen - wir sind ja wieder Weltmeister - eine Erfindung des Fußballbetriebs. Oben sieht man aber links (1) das Reichswappen des Hohen Mittelalters, abgebildet nach der Großen Heidelberger Liederhandschrift, geschrieben und gemalt um 1300). Und rechts (2), das ist das Wappen von Kaiser Otto IV., der regierte um 1200, und schließlich ist rechts (3) das Wappen von König Siegmund, um 1400. Da ließen sich zahllose ähnliche Beispiele bringen und vor allem sehr viele alte und älteste Bürger- und Städte-Wappen, ebenfalls mit Schwarz-Rot-Gold, den Farben, die noch im 19. Jahrhundert - in der "Romantik"? - als "altdeutsch" galten, etwa die Stadtwappen von Aachen, Dortmund, Duisburg, Heilbronn, Lübeck, Nürnberg -

Die Pointe dieser Farben-Geschichte ist, dass die Kaiser und Könige bei den Deutschen stets gute Gründe hatten, mit denen aus den Städten zu kooperieren, auf den "Reichstagen" erwies sich das immer wieder als hilfreich gegen den Starr- oder Eigensinn von Sachsen oder Bayern und anderen Fürstentümern. Da war sie willkommen, die Hilfe aus den "freien" Reichstädten - deren Denken manchmal fast schon früh- oder vordemokratisch wirkt, ein Denken ans Gemeinwohl, was vorauswies aufs Denken von 1848 und, so sehen es viele, noch bis hinein ins Grundgesetz von 1949.




August - September 2014:

TÜRKEI, ANATOLIEN - IM BUS


Eigentlich hatte ich gehofft, ganz ohne Bus-Reisen auskommen zu können, aber nun hat's mich doch noch erwischt. Und es war traumhaft und üppig und schön. Zu danken ist das dem Können und Charme dieses Mannes, hier beim Tee-Kauf in Ost-Anatolien. Für 19 Fahrgäste war er drei Wochen lang der Fahrer Hans-Peter. Ist begeistert begeisternder Eigentümer der Freiburger AVANTI-BUS-Unternehmung, seit 35 Jahren unterwegs - zwei Weltreisen - Koch, Neugieriger, Genießer, ein Türkei- und Europa-Kenner und -Liebhaber.

 

Auf einer Terrasse hoch über Istanbuls Meeresarm "Goldenes Horn", wo dem Hans-Peter der resolute Stadtfüher alles noch mal genau erklärt. - Links die Schweizerin Susanne, rechts die Freiburger Alexander, Ute und Klaus.

BlickBlick

Silberblauer Blick. Quer hinweg über den Gewölbe-Wald im antiken Zentrum der riesigen Stadt, hinüber zum neuesten zwölfstöckigen Traumschiff und zum Bosporus.

Im Bus als Schattenriss Utes Sturmfrisur. Nach drei Tagen Byzanz/Kostantinopel/Istanbul heraus aus der MegaCity (100 km lang Hochhäuser, 15 Millionen Bewohner), mit Lust westwärts, auf perfekten Autobahnen, die es so vor fast 30 Jahren noch nicht gab - Wirtschaftswunder können die hier auch allein, auch ohne Europa? - ja, leider. Seit Mutti Merkel sie in christlich-sozialer Strenge nicht nach Europa hineinlässt, können die derzeit hier Regierenden auch ohne Europas Grundrechtsdenken prima zuschlagen.

Für Hans-Peters roten Bus wird sich sofort interessiert, auch hier, im anatolischen Osten (Amasia) . Dieser Bus wirkt ein bisschen so wie einst des tapferen Schneiderleins Gürtel: "Sieben auf EINEN Streich" !

Und dann hinab in die Schluchten dieses Landes aus Erdbeben und Erosion - von Sivas nach Divrigi - hinunter ins östlichste Ost-Anatolien



doch auch hier kennt der Avanti-Mann verborgene Schätze, dort oben wartet ein "Welt-Erbe der Unesco"



mit ornamentalen Portalen, die als einzigartig gelten



Unweit vom Welt-Kultur-Erbe (einem muslimischen Krankenhaus mit Moschee und Koranschule), da bot die Wirklichkeit diese Bildmontage. Man weiß, Atatürk wollte die "Öffnung nach Westen" - so?

Auch in den Städten des anatolischen Ostens allenthalben hohe Neubauten, Wirtschaftswunder - und das umgibt auch hier in Sivas Altes und Ältestes



abeiunserem Besuch mit leibhaftigem Türken-Mond :



Bei Ürgüp hinunter ins kapadokische "Rosental", in strapaziöser Hitze

was ich in großer Ruhe von weit oben beobachten kann - und fotographieren - von einem dieser Sofa aus

Am Rand von Ürgüp findet sich in einer frühchristlichen Felsenkapelle dieser Prediger, auch ihm haben Bilderfeinde das Gesicht zerstört, aber nicht ganz seine Finger - diese sorgfältig gesprächigen Finger -


und wahrlich, zu warnen ist hier unablässig vor der in Ürgüp so sichtbar gebrechlichen Welt - auf dem Bild unten sieht man die Trümmer, die von einer Disko übrig blieben - junge Leute hatten im Felsen getanzt

darüber kann sich ein West-Pop-Popel nur noch kaputt lachen


nun zurück, wieder westwärts, über die heißen Straßen in vulkanischem Gestein

- durch das riesige "Klein"-Asien. - Das wir Deutschen um 1900 zu gern als Kolonie genutzt hätten - siehe den Film "Bagdadbahn" (SWF 1986). - Und immer mal wieder vorbei an Karawansereien, zum Beispiel hier rechts -

auch hier unten

Bei einer letzten Pause vor Konya hinein in eine dieser Karawansereien, in diese frühen Rasthöfe der Wüsten-Durchwanderer.

Im Inneren noch Geräte für unterwegs, Kamel-Sättel und solche Sachen

Zwei an der Tankstelle. Auch diese beiden wollen Diesel. Ihr Gefährt knurrt wie ein Rasenmäher, macht dazwischen spuckendes Gezische

Die Millionenstadt Konya - vor knapp 30 Jahren, als auch hier der "Bagdadbahn" zu drehen war, gab's hier noch kein Aufbauwunder. Und das Mevlana-Grab und Kloster ist inzwischen Pilgerziel für große Massen. Doch schien unser Stadtführer die Botschaft des dort verehrten Mevlana Rumi aus dem 13. Jahrhundert gar nicht zu kennen, ausgerechnet jetzt, wo nicht allzu weit von hier "religiöse" Verbrecherbanden öffentlich Menschen schlachten. Da verschwieg er leider, was vom Liebesmystiker und "Meister" Rumi zu wissen wäre - Toleranz, religiös und menschenrechtlich.

"Links und rechts von mir hat die Trennung Fallen gestellt ... Du Mensch, ob Du ein Christ bist oder ein Muselmane, ein Jude oder ein Brahmane - unsere Tür ist offen für alle."

13tes Jahrhundert.

Grenzen als Trennungen - als Fallen -

In Konya war die Batterie in meinem Fotogerät nicht mehr zu laden. Derweil sind wir aber wieder im Freiburg, die Batterie hat wieder Energie und nun konnte ich diese Postkarte aus Ürgüp fotographieren ("copyright ARD") - die zeigt als Winterbild über einem kapadokischen Vorort von Ürgüp einen ungeheueren vulkanischen Tuff-Kopf.

Mit bedrohlichen Augenhöhlen. Und mit hässlicher und gewiss gefräßiger Schnauze. All das hat vor Millionen Jahren der schneebedeckte Berg von dort hinten hierher geschleudert, dreimal brach er aus, der 3000 m hohe Vulkan. Viele wohnen noch immer in seinen Schleudermassen.

Glückliche 19 Reisende haben am Ende dem reisebegeisterten - begeisternden - Avanti-Mann Hans-Peter heftig gedankt - auf einer Karte mit diesem Bild. So also können sie auch sein, die Bus-Reisen. Nach Konya folgten dann ja auch noch die Ägäis (drei Nächte in Selcuk, jedes Zimmer direkt am Sandstrand, unter Palmen) und das enorme Ephesus und das neunschichtige Troya und der Zeus-Tempel, das älteste aller griechischen Orakel, wo man die Weisheit aus dem Rauschen der Blätter in alten Eichen erfährt - - -