Fundstücke und Tagebuch

September 2015, ins Abendland

Papst Gregor der Große (6. Jahrhundert):

Wo ist das Volk.

Die Knochen sind zerkocht,

das Fleisch verzehrt,

alle Pracht erloschen.

Es brennt das leere Rom

Sommer 1945. Freiburgs Hauptstraße
Durch Anklicken in Bildschirmgröße. - Archiv Hans Sigmund.


Wie in der Krupp-Stadt Essen ("Waffenschmiede des Reiches"), so fuhren auch in Freiburgs Hauptstraße im Sommer 1945 erste Straßenbahnen, hier wie dort hießen beide Straßen vor kurzem noch "Hitlerstraße". Die in Essen war noch nicht ganz so gut aufgeräumt wie diese hier.

Für den damals Neunjährigen war der Drache sehr real nach Essen gekommen, hatte auch dort das Münster stehen gelassen, wie in Freiburg. Das Essener ist sogar älter als das in Freiburg. In Essen blieb auch die Synagoge stehen, ein enormer Kuppelbau, massiv, im maurischen Stil. Den hatte die brandschatzende Feuerwehr trotz vieler Mühen nicht anzünden können.




BALKONS - Wie berauscht knipse ich von meinem Freiburger Balkon die Region, aus der er kommen würde und kommen will, der Drache. Ein Klick auf dies Bild, und er füllt den Bildschirm. Mit phantastischen Sonnenuntergängen, mit prächtigem Wolkentheater über den Vogesen und über dem Atomkraftwerk Fessenheim, in nur 18 Kilometern Entfernung.

 




Ein Wetter steht grad über der Erd. Wann's nur ins Württembergische fährt. Denn tät es sich bei uns entladen, dann hätten wir weiß Gott Hagelschaden.

Diesen schlauen Herzenswunsch bastelte um 1840 Johann Gottlieb Biedermeier (Ludwig Eichrodt), und den sage ich gern auswendig bei dieser oder jener Lesung - hier aus "Schwarzwaldgeschichten" (Sommer 2011) im "Sonnenhof" im "Vauban". Jedesmal mit Gelächter, schon nach "fährt".



- Im katholischen Freiburg und im Schwarzwald läuft seit je viel Weltbewegung. Denn man glaubte hier früh gern und viel, zum Beispiel, dass ein Herr Amerigo nicht log, als er behauptete, er hätte die Neue Welt entdeckt. Und so notierte der berühmte Freiburger Kartograph Waldseemüller 1507 auf seiner ersten kugeligen Weltkarte (oben das zwölfblättrige Abbild, das hab ich aus der Badischen Zeitung herausgeschnitten und um einen Tennisball gewickelt), jedenfalls notierte der 1507 auf seiner Weltkarte dort, wo nun ein erstes Stück "Neue Welt" zu zeichnen war (heute "Florida") das Wort "America". Frei nach diesem Herrn Amerigo. Und drum heißt seitdem der ebenfalls stets weltbewegende und glaubensstarke Kontinent "Amerika", trägt einen Namen, der in Freiburg aus einer Lüge der Name wurde für ein weltweites Faszinosum.




Auch dieses Noten-Foto ist durch einfaches Anklicken vergrößerbar. Wenn ich diese Zeile sehe aus dem Frühling des Jahres 1848, wird's mir melancholisch. Geschrieben wurde das also im Jahr des europäischen Revolutionsversuchs, auch des deutschen. Dies ist ein Ausschnitt aus der Partitur zur unbekannt gebliebenen Freiheitsoper aus dem Jahr 1848. Von jenem am Anfang dieser Homepage vorgestellten romantischen Musiker. Sehr rasch fühle da auch ich mich als Altachtundvierziger. Bei den Noten handelt es sich um eine Zeile auf Seite 23 seiner Partitur, da geht es in einer Art Vorspiel zu REGINA (Text und Musik von Albert Lortzing) um den ersten Arbeiterstreik, der je auf eine Bühne hatte kommen sollen und der im 19. Jahrhundert prompt nie draufkam. Der Text: "... viel. beschloßen ißt, zu Ende sei die Knechtschaft und die Türannei! wir werden ... " - die beiden letzten Worte "wir werden", die gehen auf dem nächsten Blatt so weiter: (wir werden) "Recht uns jetzt verschaffen, wenn nicht mit Worten, dann mit Waffen.".

Auch in Freiburg hab ich versucht, Interesse für die Freiheitsoper zu wecken. Hab darüber mehrere tausend Seiten publiziert ("Lortzing", "Nora", "Salamander"), aber es wird halt mehr geschrieben als gelesen. Hab wohl auch die Freiburger Theaterleitung nur erschreckt. Kein Echo. Lortzing gilt als unpolitisch. Basta, "beschloßen ißt". Lortzing war der erste Opernmacher, der seine Text selber schrieb.

Schreibt der hier das "ist" so seltsam als "ißt", weil das damals halt so geschrieben wurde? Schon als Kind hatte der oft Grund, ans Essen zu denken, zum Beispiel mit 12 Jahren in Freiburg, wo er zum erstenmal auf einer Bühne stand (und dann woanders noch weitere fast zehntausend Mal). Und es heißt, kurz nach 1848 sei er verhungert, in jeder Weise. Nach 1848 wurden seine komisch romantischen Spielopern aus dem "Vormärz" (VOR dem März 48) gut hundert Jahre lang auf deutschsprachigen Bühnen zu den meistgespielten Opern, die Leute liebten sie. Werden heute nicht mehr gespielt. Sind ja unpolitisch.




Wem dies Bild zu dunkel scheint, der kann auch dies anklicken, und alles wird deutlich. Selbst das noch immer opernverliebte "Frei"burg ignoriert Opernsachen als Freiheitssachen. Zum Beispiel in dem Sommer, in dem junge Leute sich die Freiheit herausnahmen, auf einem ungenutzten Grundstück im Stadtteil Vauban eine lustige Kistenburg zu bauen und darin zu wohnen, da kam um vier Uhr in der Nacht ein Lindwurm aus der Stadt, kamen tausend Polizisten mit Ramm- und Räumgeräten. Und einen vollen Tag lang (obwohl die jungen Leute schon am Abend zuvor ihre lustige Burg verlassen hatten) blieben die 5000 Bewohner im "Vorbildviertel" Vauban eingekesselt. Selbst die Straßenbahn, die sonst alle sieben Minuten zur Stadt fährt, kam nicht mehr. Auch Frei-Burg hat halt Probleme mit Frei-Sein, und mit Freiheitsopern.






FÜR DEN KARTÄTSCHENPRINZ. - Das ist in Freiburg wiederum kaum anders als in Essen, wo vormals Äbtissinnen das Sagen hatten und heute ein Bischof ("Homosexualität ist Sünde"), lange auch die Stahlfirma Krupp und derzeit immer noch Bergbau-Chefs. Auf der Haupt- oder Hitler-Straße sieht man heute als einzige Kunst ein Krupp-Denkmal und ein Reiterstandbild (den Sockel siehe hier unten). Diesen bronzenen Reitersmann im Rauschebart, den weihten Stadt und Stahlfirma 1906 dem ersten Kaiser Wilhelm, der bekanntlich (siehe "Salamander" und "Fessenheim") seit 1848 Demokratisches stahlhart verhindert hatte, 1848 mit Volksmord, "Kartätschenprinz" nannten ihn die Berliner. Kartätschen sind Sprenggranaten, am 18. März 1848 zerrissen sie in Berlin 250 Freiheitsbewegte. Wilhelm I und II jedenfalls besorgten der Stahlfirma kräftig Aufträge und verhalfen Essen zum Aufstieg, nach den Wilhelms war Essen größer als Frankfurt, Leipzig, Stuttgart oderDüsseldorf, war nicht nur die Krupp-Stadt, sondern auch Europas größte Bergbau-Stadt.

Was will da ein einzelner Protestler. Wenige Minuten nach diesem Foto (1990, ein Klick und auch dies füllt den Schirm) kamen Streifenwagen, Ordnungsbeamte belehrten mich, mein Verhalten sei ein "Verstoß gegen Versammlungs-Vorshriften" und Versammlungen müssten angemeldet werden . "Wo denn ist hier eine Versammlung?" hab ich noch fragen können, "bin doch allein." Aber die bösen Wörter, die räumten sie weg und erstatteten Anzeige.



Im westlichsten Europa, im irischen Galway läuft so was trotz der uralten katholischen Aufsicht viel lockerer. Hier zeige ich mit Freundin Mave zweifellos ungebührliche Gesten, bei einem Straßenfestival. Der nördliche Teil Irlands ist ja nach wie vor englische Kolonie. Statt Polizei kam in Galway der "Galway Advertizer" und interviewte mich, das steht nun auf Seite 1 dieser Homepage.



DIE BESTEN - Dieter (rechts) und Hermann sind zwei von denen, die mit mir am Essener "Helmholtz" das Abi machten, 1956. Dieter war der Klassen-Primus, Hermann (Bergmannssohn) war der Beste in Latein. Hier stehen sie 2011 - ein Klick macht auch dies Foto flächendeckend - in Xantens wunderbar verspiegeltem römischen Museum. Dieter wurde Doktor-Ing und Professor an der TU Darmstadt, Spezialität Hochspannung, in Darmstadt zeigte er beim Abi-Treffen 2010 knallige künstliche Blitze. Hermann wurde Studienrat für Latein. Und als mir 1999 klar geworden war, dass der reale Drachentöter Siegfried Latein gekonnt haben muss (wie Arminius und wie Attila, die so was wie Austauschstudenten gewesen waren in Rom (historisch belegt), hab ich ihm meine fast 900 Manuskript-Seiten "Nibelungenchronik" zu lesen gegeben. Er staunte, fand aber noch etwa 50 kleinere Latein-Fehler - also rund einen auf 18 Seiten. Ärgert sich stets über schlechtes Latein, wenn etwa die FAZ täglich die Zeile  In medias res druckt, was in elegantem Latein Medias in res heißen müsste.

Früh war klar, am Hof zu Worms konnte König Gunther weder Keltisch noch Latein. Krimhild dagegen und ihr Lieblingsbruder Giselher - und leider auch Hagen von Tronje - die dagegen kannten sich aus im römischen Sprechen und Machtpokern. Dann aber auch der Gast aus Xanten. Und das kostete ihn - - - aber das zu erzählen, benötigt allerhand aufregende Seiten .




UNTERGANG? - Heute, am 12.12.12, hätte Weltuntergang sein müssen, laut MAJA-Kalender. Ich aber wohne auch an diesem Tag so wie seit fast acht Jahren, nämlich zauberhaft, schön wie noch nie in meinem Leben. In einer Turmwohnung, mit drei Balkonen und Blicken nach allen Richtungen. Freilich auch mit fast freiem Blick aufs Drachenfeuer, Richtung Fessenheim.

Im Norden die Stadt


 Im Osten "Vauban" und Schwarzwald


Im Süden der spezielle Schönberg, ein "Zeugenberg" (siehe "Salamander"). Auf diesem Balkon leider ohne Schwertschnabelkolibris - allein deren Zungen wären lang genug für diese Trompetenblumenblüten



und abends im Westen - ein Klick vergrößert auch diese Fotos - das Wolkentheater, die Sonnenuntergangspracht über Vogesen, Kaiserstuhl und Atomkraftwerk




"Fessenheim", die Protestnovelle ist nun (Frühjahr 13) endlich erschienen. Und stieß auf kuriose Leseschwächen. Die Literaturredaktion des Freiburger Blatts fand im Text, ich hätte Lortzing "hineingemogelt". Ich staune und sammele auf den 157 Seiten alle darin lesbaren Namen von historischen, mythologischen oder sonst wirklichen oder wirksamen Personen im Buch "Fessenheim":

Orion Mephisto Helena Undine Paracelsus Imperia Erasmus von Rotterdam Kopernikus Jan Hus Martin Luther Immanuel Kant Johann Peter Hebel Johann Wolfgang von Goethe Friedrich Schiller Brüder Grimm Heinrich von Kleist Adalbert Stifter Heinrich Heine Marcel Reich-Ranicki Hellmuth Karasek Wolfgang Döblin Alfred Döblin Ingeborg Drewitz 0tto Jägersberg Christoph Meckel Sébastien Le Prestre de Vauban Nicolas Sarkozy François Hollande Steffen Seibert Angela Merkel Carl Schurz Andreas Dilger Adrienne Goehler Friedrich Krupp Martin Heidegger Wolfgang Rihm Ludwig van Beethoven Robert Stolz Wolfgang Amadeus Mozart Richard Wagner Helmut Lachenmann Bernd Alois Zimmermann Django Reinhard Jacob Burckhardt Rosa Luxemburg Robert Altman Sophia Loren Marcello Mastroianni Orson Welles.

Der Name Lortzing kommt nicht vor. Im Buch "Fessenheim" sind, glaube ich, die Namen der wichtigsten und wirksamsten Figuren: Erasmus von Rotterdam, Johann Peter Hebel und Rosa Luxemburg. Blieb unbemerkt von Freiburgs Blatt.


taz




Die Überschriften bastelt die Redaktion:






  Eine positive Vision? Laut Altkanzler Schmidt sollte, wer Visionen hat, zum Arzt gehen. Zugegeben, die Realitäten sehen finster aus, in Syrien, Irak oder Ägypten erschlagen sich jetzt, 2013, die Völker, die Stämme, die Religionen, Sunniten die Schiiten und umgekehrt, und die Weltmächte nutzen das zu neuem kalten Krieg. Aber Geduld, so mahnt der Theologe Hans Küng, auch Europa habe Jahrhunderte benötigt, um heraus zu kommen aus der Lähmung religiösen und ideologischen Machtkampfs. Recht hat er, der "Welt-Ethiker" Küng . Was Buchdruck und freies Theater in Jahrhunderten für die Emanzipation leisteten, das müsste und könnte nun auch das Internet schaffen - willkommen ist DigItaliens totale Öffnung aller Grenzen und Informationen - für alle - unter der Bedingung der Menschen-Rechte. Willkommen "Vernunftglut"!

Foto-Copyright Anabas




ADVENT - Hätte beinahe auch ganz anders gelebt. Gab da paar Möglichkeiten. So, dass ich auch sagen könnte: Wieso eigentlich kümmere ich mich derart breitmäulig ums große Ganze statt ums eigene Dasein und Sosein hier und jetzt.

Und hatte die Mutter bloß „Vockschule“ und war Rotkreuzschwester mit Mutterwitz und ihr Vater bloß „Kassier“ und war mein Vater Bauernsohn und wurde dann so was wie Diplom-Theoretiker. Und war seine ach so begeisterbare Blauäugigkeit und Weltverbesserei ein ziemliches Erbe für mich in Vorkrieg, Krieg, Nachkrieg.

Stopp! höddoch auf. Das Erben ist vorbei. Und ich hab auch sehr viel Glück gehabt.

 

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MOND -  Nun sind nach Amerikanern und Russen auch Chinesen auf dem Mond, mit Maschinen. Heute früh um 7 Uhr 35 stand er noch rund über unserer Haltestelle (der Stadtbahn):mondhaltestelle

- versank dann im Dunst über den Vogesen

mondansicht haltstelle

 
 
 
 



NAMENSKUNDE

Zum Jahreswechsel 2013/14 viele "wahrsagende" Voraus- und Rückblicke. Und plötzlich wurde das bedenklich. Ich heiße ja schon so, hab ja einen Namen, der müsste warnen. "Lodemann"? Das lodert. Und schießt meist allzu rasch empor. Dieser Name ist nachweislich (nicht nur in Annette von Drostes Gedicht von den "Loden") eine Bezeichnung für Zweigesammler, die im Unterholz die Triebe nutzen, die im Wald doch auch noch rasch und hoch hatten hinaufwollen ans Licht und kaum Zeit finden für Zweige in die Quere. Loden haben zu tun mit Lohe und Lodern, mit Leuten und Proleten.

Schon mein Vater war allzu rasch begeisterbar, siehe sein "Der große Irrtum".

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Dreikönig, 6.1.2014. - Trotz allem sei und bleibe der Mensch ein "alter Hoffer", hat der alte Theaterdirektor in Weimar gewusst. Und so hoffe nun doch auch ich wieder. Auf Antworten. Zum Beispiel auf Reaktionen auf das, was Ende 2013 an einige deutschsprachige Theaterleiter ging





SCHICKELE

An einen Professor in Karlsruhe nach einer Lesung aus "Fessenheim"

Lieber literarischer Gesellschaftsleiter,
 
nun hab ich mich doch noch sehr zu bedanken für Ihre Jahresgabe "Das Wort hat einen neuen Sinn". Auch ich gehöre zu all denen, an denen der Rang des René Schickele vorbeiging, der war für mich - für den aus dem Ruhrgebiet - höchstens ein Gerücht, auch die Jahre hier im Süden haben daran wenig geändert, in all den inzwischen fast  40 Jahren "Bücher-Bestenliste" des SWF und des SWR kam der Name Schickele nicht vor, obwohl auf der monatlichen Zehnerliste der Qualität oft auch an Größen der Vergangenheit empfehlend erinnert wurde.
 
Mit Ihrer Gabe haben Sie auf Anhieb einen Schickele-Verehrer gewonnen. Welch ein Schriftsteller! gerade für unsere Situation hier an der Grenze zu Frankreich - in der historischen wie aktuellen Gegebenheit des Oberrheins - das ja in meinem Novellen-Fall nun auch literarisch fatale Fakten der Erdgeschichte liefert - was wohl hätte Schickele zu "Fessenheim" zu sagen gewusst -
 
Und just dazu liefert dies Buch brisant hellsichtige Vorausblicke - nicht zu glauben, dass der Mann schon im Januar 1940 gestorben sein soll, denn ich lese folgendes:  "Die Wissenschaft setzt einen gewaltsamen Tod in die Welt, neben dem der alte Gevatter Sensenmann sich wie ein Spielzeug ausnimmt oder eine Botschaft von süßer Erlösung. Und wir alle arbeiten fleißig mit an der Fütterung des Riesenkindes, das uns alle erschlägt."
 
Erschlagend präzise.
 
Künftig kann ich meine Lesungen aus "Fessenheim" mit diesem Schickele-Wort beginnen. Gewiss, er hat das "Riesenkind" noch sehen können in der damals rasant wachsenden militärischen Vernichtungstechnik, die irrsinnig genug war - aber das Denken, das technische Fortschritte nicht zu Ende dachte, hat er unheimlich früh gesehen, wie allzu wenige sonst.
 
Beklemmend konkret sah er auch die andere Seite unserer Hirnlosigkeit: "... und was die Juden anlangt, nein, da ist es doch klar, was mit ihnen geschähe. Die Hälfte würde bei Kriegsausbruch beseitigt, der Rest nach der ersten Niederlage..." Und aus solch grauenvoll hellsichtig Konkretem obendrein dann die grundsätzliche Erkenntnis: "... die tägliche Kriegspropaganda gegen den verhaßten Mitbürger. Das sind die kleinen Türen, durch die der große Krieg kommt" - - -
 
 
Exakt dies ist die Antwort auf die immer neu gestellte Frage: Wie war das möglich, wie konnte das kommen - Krieg, KZs, Atombomben. Durch die "kleinen Türen" der Menschenverachtung kommen sie immer neu - ob bei "Gangster-Rappern" wie Buschido oder bei Blockwarten oder bei den Eltern oder im eigenen ach so sanften Gemüt -
 
Danke für den Schickele!
 
Herzlich
Ihr Lodemann





17. März 2014. - In der Nacht zum 18. März erkletterten Green-Peace-Leute dort unten hinten am Rhein (in 18 km Entfernung von der Stelle, an der ich aus meiner Wohnzimmer heraus dies Foto machte) die maroden Kühltürme des Atomkraftwerks Fessenheim und plakatierten das, was seit gut einem Jahr Fazit und Botschaft meiner Novelle "Fessenheim" ist: RISIKO FÜR EUROPA.

Die Novelle geht allerdings noch weiter: FÜR DIE WELT.

Wer genau hinschaut, sieht auf diesem Foto, aufgenommen am Abend danach, am 18. März also, oben in der dunkelroten Wolke, einen Hubschrauber. Auch von der deutschen Seite her wurde die unerhörte Tat beobachtet -





Neulich luden mich freunliche Stuttgarter in ihren sonnigen "Rosengarten", wollten mir zeigen, wie zauberhaft vorläufig noch aussieht, was demnächst für den (untauglichen) Haupt- und Schiefbahnhof umgewühlt wird und las ihnen dann hier, vor diesen Säulen, aus "Fessenheim" vor, damit sie sehen konnten, wie viele Hirnrisse auch dicht beim Badischen sich ereignen. Darauf hin kam eine weitere Einladung, nämlich eine doppelte, eine in und eine vor das Stuttgarter Rathaus - - -

17. März 2014. - RATHAUSREDE.

Und wie es Zufälle immer wieder wollen, kam es in derselben Nacht im vollen Stuttgarter Rathaus zu einer neuen Erfahrung. Vor dem Oberbürgermeister der Landeshauptstadt und vor dem Finanzminster der Landesregierung versuchte ich, den alten grimmig gewitzten Schwaben Thaddäus Troll in den zurückzuverwandeln, der er in Wahrheit war, nämlich vom willkommenen Lustigmacher Stuttgarts in einen listigen Polit-Erzähler der Deutschen, in einen Letzten der litérature engagée - in einer Festrede zu Trolls hundertstem Geburtstag.

Wiederholt Szenen-Beifälle, anschließend immerzu dankende Umarmungen all der Streiter gegen den Irrsinn des Milliarden teueren und lebensgefährlichen Schiefbahnhofs. Umarmungen oft in Tränen, auch von Eleonore, die Jahre lang Sekretärin des Troll war, und auch von den beiden Troll-Töchtern und von dem, der die Uaufführung seines "Entaklemmer" in Regie hatte - während in derselben Nacht drüben, zwischen Freiburg und Mulhouse, die Aktivisten die Türme erkletterten. "Risiko für die Welt" - - - :



 

 

 

 

IM Rathaus



 

 

 


VORM Rathaus





FREIES REDEN

Beim freien Reden, zumal vor vielen Leuten, verheddere ich mich, weil ich eigentlich drei Dinge gleichzeitig sagen müsste, genau genommen noch viel mehr. Ich beginne trotzdem drei oder mehrere Mitteilunggsversuche gleichzeitig und das schafft man in keiner Grammatik. So was funktioniert nur in Opern. Und nur in guten. Nur Musik kann das herstellen, Gleichzeitigkeit konträrer Gedanken und Gefühle. Das ist das Tolle an mehrstimmigen Gesängen. Auch Opern, auch gute komische Opern können das, ausgerechnet das Buffo-Fach schafft das mit wunderbaren Resultaten. Da kann geträumt und gleichzeitig intrigiert werden. Da wird in den selben Sekunden für und wider argumentiert, kann sowohl Empörung tönen wie Begeisterung, zum gleichen Grund-Bass. Oper ist eine zeitlose Errungenschaft. Die funktioniert, wenn sie gut ist, wie unser Hirn, das schon längst streiken müsste angesichts der nun sichtbaren wie hörbaren global total vernetzten Welt






22. Juli 2014. - 111 Jahre

Eine Mail in Sachen Mutter
 
 
Ihr Lieben, morgen, am 23. Juli, da hätte Elfriede (Friedchen, Friedel) Geburtstag, unsere Mutter, Großmutter, Schwiegermutter, Urgroßmutter, Großtante. Würde morgen 111 Jahre alt. Diese Zahl hätte ihr sehr gefallen. Dies einfach mal nur so, zur Erinnerung. Aber wie denn war sie eigentlich. Klavierstunden hatte sie einst, in Ahlen in Westfalen (“bei Lehrer Witteborg”). Weihnachten spielte sie gern Klavier und sang. An Karneval noch lieber. Gesellig war sie, “lebhaft”. Erzählte gern.
 
Liebebedürftig. Am Ende sehr einsam, fand ich. Und wirklich nicht einfach hatte sie’s. “Mit fünf Männern. Mein Mann zählt doppelt”. Und mit dem Alleridiotischsten quer durch und auf ihrem Leben, nämlich mit zwei Weltkriegen. Und mit einem ziemlich weltfremden Mann. Als der erste Horror begann, war sie elf, als der zweite anfing 36. Beim zweiten also viel jünger als Ben und David heute. 36 und mit 3 Kindern. In ihrem vierzehnten Jahr war ihre Mutter gestorben, “die hat gedichtet”.
 
Ich dagegen, ihr Nachwuchs, Nesthäkchen oder "Solljunge", mit seinem sehr engen und langem Mutter-Kontakt. Als anfangs oft krankes Einzelkind einer vormaligen Rot-Kreuz-Mutter. Schon deswegen offenbar verwöhnt. Denke oft an sie, merke, wie mir ihre Alltagswörter noch heute durchs Hirn geistern. “Einbildung ist auch ne Bildung”, “dass de meinst, en Pferd hätt dich getreten”, “einer von den Böbersten”, “benimmst de dich auch ordentlich?”, “fünf Mark finden oder verlieren, sind schon zehn Mark Unterschied”, “besser ne Mark, als dem Pfarrer die Hand gegeben”, "ich hatte ja man bloß Vocksschule". In den letzten Jahren mehr und mehr schweigsam. “Da luer män up” – da kannste lange drauf warten.
 
Ihre letzte Nacht (April 90) im Heim mit einer Frau Hundertmark. Die betete mit Sterbenden, auch mit der schweigenden Elfriede, Friedchen, Friedel. Als da diese gute Frau Hundertmark den alten Bibeltext sagte, wonach wir 70 Jahre alt werden “und wenn es hoch kommt, währt es 80 und dann ist es Mühe und Arbeit gewesen ”, da sagte die 86jährige doch nochmal ein Wort. Das war ihr letztes. Sagte nur: “Das stimmt.”
 
Fiel mir heute früh beim Aufwachen ein, zusammen mit dem Datum. Mum, morgen feier du schön, wünscht Dir dein “Jüngster”, derzeit 78.



 
 
 

Schwarz-Rot-Gold - inzwischen ganz klar eine Erfindung des Fußballbetriebs. Hier sieht man aber links (1) das "Reichswappen" des Hohen Mittelalters, abgebildet in der Großen Heidelberger Liederhandschrift, geschrieben und gemalt um 1300. Und rechts (2), das ist das Wappen von Kaiser Otto IV., der regierte um 1200. Und schließlich ist da rechts (3) das Wappen von König Siegmund, um 1400. Es ließen sich zahllose ähnliche Beispiele bringen und vor allem sehr viele alte und älteste Bürger- und Städte-Wappen, ebenfalls mit dem dominanten Schwarz, Rot und Gold, mit den Farben, die noch im 19. Jahrhundert als "altdeutsch" galten, etwa die Stadtwappen von Aachen, Dortmund, Duisburg, Heilbronn, Lübeck, Nürnberg -

Die Pointe der Farben-Geschichte ist, dass die Kaiser und Könige bei den Deutschen stets gute Gründe witterten, mit Leuten aus den Städten zu kooperieren. Auf den "Reichstagen" erwies sich das immer wieder als hilfreich gegen den Starr- oder Eigensinn von Sachsen oder Bayern und anderen Fürstentümern. Da waren sie willkommen, die Hilfen aus den "freien" Reichstädten - deren Denken manchmal fast schon früh- oder vordemokratisch wirkt, wie ein Denken ans Gemeinwohl, was vorauswies aufs Denken von 1848 und noch bis hinein ins Grundgesetz von 1949.




August - September 2014:

TÜRKEI, ANATOLIEN - IM BUS


Eigentlich hatte ich gehofft, ganz ohne Bus-Reisen auskommen zu können, aber nun hat es mich doch noch erwischt. Und es war traumhaft üppig und angenehm. Zu danken ist das dem Können und Charme dieses Mannes, hier beim Tee-Kauf in Ost-Anatolien. Für 19 Fahrgäste war er drei Wochen lang der Fahrer Hans-Peter. Ist begeistert begeisternder Eigentümer des Freiburger AVANTI-BUS-Service. Seit 35 Jahren unterwegs - macht auch Weltreisen, im Bus - Koch, Neugieriger, Genießer, ein Türkei- und Europa-Kenner und -Liebhaber.

 

Auf einer Terrasse hoch über Istanbuls Meeresarm "Goldenes Horn", wo der resolute Stadtführer dem Hans-Peter alles noch mal genau erklärt. - Links die Schweizerin Susanne, rechts die Freiburger Alexander, Ute und Klaus.

BlickBlick

Silberblauer Blick. Quer hinweg über den Gewölbe-Wald im antiken Zentrum der riesigen Stadt, hinüber zum neuesten zwölfstöckigen Traumschiff auf dem Bosporus.

Im Bus als Schattenriss Utes Sturmfrisur. Nach drei Tagen Byzanz/Kostantinopel/Istanbul heraus aus der MegaCity (100 km lang nichts als Hochhäuser, 15 Millionen Bewohner), mit Lust ostwärts, auf perfekten Autobahnen, die es so vor fast 30 Jahren noch nicht gab - Wirtschaftswunder können die hier auch allein, auch ohne Europa? - ja, leider. Seit Mutti Merkel sie in christlich-sozialer Strenge nicht nach Europa hineinlässt, können die derzeit hier Regierenden auch ohne Europas Grundrechtsdenken prima zuschlagen.

Für Hans-Peters roten Bus wird sich sofort interessiert, auch hier, im anatolischen Osten (Amasia). Der Bus gibt sich ein bisschen so wie einst des tapferen Schneiderleins Gürtel, "Sieben auf EINEN Streich" !

Und dann hinab in die Schluchten dieses Landes aus Erdbeben und Erosion - von Sivas nach Divrigi - hinunter ins östlichste Ost-Anatolien



doch auch hier kennt der Avanti-Mann verborgene Schätze, dort oben wartet ein "Welt-Erbe der Unesco"



mit ornamentalen Portalen, die als einzigartig gelten



 

Unweit vom Welt-Kultur-Erbe (einem muslimischen Krankenhaus mit Moschee und Koranschule), da bot die Wirklichkeit die folgende Bildmontage. Man weiß, Atatürk wollte die "Öffnung nach Westen" - so?

Auch in den Städten des türkischen Ostens allenthalben hohe Neubauten, Wirtschaftswunder - und das umgibt auch in Sivas Altes und Ältestes



unten mit leibhaftigem Türken-Mond :



Bei Ürgüp hinunter ins heiße kapadokische "Rosental"

was ich in großer Ruhe von weit oben beobachten kann - und fotographieren - von einem dieser Sofas

Am Rand von Ürgüp erkennt man in einer frühchristlichen Felsenhöhle diesen Prediger, auch ihm haben Bilderfeinde das Gesicht zerstört, aber nicht ganz seine Finger - diese sorgfältig gesprächigen Finger -


zu predigen, nämlich zu warnen ist hier unablässig vor der in Ürgüp so sichtbar gebrechlichen Welt - auf dem Bild unten sieht man die Trümmer, die von einer Disko übrig blieben - junge Leute hatten in diesen Felsen getanzt

darüber kann sich ein West-Pop-Popel nur kaputt lachen


zurück, wieder westwärts, über die heißen Straßen in dem vulkanischen Gestein

- durchs riesige "Klein"-Asien. Das wir Deutschen zu gern als Kolonie genutzt hätten - siehe den Film "Bagdadbahn" (SWF 1986). - Immer mal wieder vorbei an Karawansereien, im oberen Bild rechts -

auch hier unten

Bei einer letzten Pause vor Konya in einem dieser alten Rasthöfe

Im Inneren noch Geräte für unterwegs, Kamel-Sättel und solche Sachen

Zwei an der Tankstelle. Auch diese beiden wollen Diesel. Ihr Gefährt knurrte wie ein Rasenmäher, konnte spuckendes Gezische

Die Millionenstadt Konya - als auch hier mein Film"Bagdadbahn" zu drehen war, da gab's hier noch kein Aufbauwunder. Doch das Mevlana-Grab und Kloster ist inzwischen Pilgerziel für große Massen. Nur unser Stadtführer schien die Botschaft des verehrten Mevlana Rumi aus dem 13. Jahrhundert nicht zu kennen. Ausgerechnet jetzt, wo nicht allzu weit von hier "religiöse" Verbrecherbanden öffentlich Menschen schlachten, da verschwieg er, was vom Liebesmystiker und "Meister" Rumi zu wissen wäre - Toleranz, religiös wie menschenrechtlich. Mevlana:

"Links und rechts von mir hat die Trennung Fallen gestellt ... Du Mensch, ob Du ein Christ bist oder ein Muselmane, ein Jude oder ein Brahmane - unsere Tür ist offen für alle."

13tes Jahrhundert.

Grenzen als Trennungen - als Fallen -

In Konya war die Batterie im Fotogerät nicht mehr neu zu laden. Derweil sind wir aber wieder in Freiburg, die Batterie hat wieder Energie und so konnte ich wenigstens diese Postkarte aus Ürgüp fotographieren - die zeigt als Winterbild über einem kapadokischen Vorort von Ürgüp einen ungeheueren vulkanischen Tuff-Kopf.

Mit bedrohlichen Augenhöhlen. Mit hässlicher und gewiss gefräßiger Schnauze. All das hat vor Millionen Jahren der schneebedeckte Berg von dort hinten hierher geschleudert. Dreimal brach er aus, der 3000 m hohe Vulkan. Viele wohnen noch immer in seinen alten Schleudermassen.

Glückliche 19 Reisende haben am Ende dem reisebegeisterten - begeisternden - Avanti-Mann Hans-Peter heftig gedankt - auf einer Karte mit diesem Bild. So also können sie sein, Bus-Reisen - - -



OKTOBER/NOVEMBER 2014

Ein Haus retten.

Initiativkreis zum Erhalt des Reinhold-Schneider-Hauses in Freiburg             







Und das Bild hier unten nenne ich "Ab ins Abendland".

Eine Dreijährige mit ihrem Vater.

In dieser Sekunde betritt sie den Boden

der Europäischen Union - - -

September 2015.
ins_abendland



Mitten im deutschen Aufklärungsjahrhundert hat ab 1770 ein Fürst im

Schwarzwald Erleuchtung stiften wollen, Licht in Form eines klassischen Tempels -

und hat dazu den größten Kuppelbau nördlich der Alpen errichten lassen,

zwischen rundherum lichtvoll großen Fenstern auf 360 Grad

einen großen blendend weißen Innenraum - just hinter der Stelle, wo es beim

Fotographieren unfreiwillig geblitzt hat.

Seit mehr als 200 Jahren ist dieser Bau zu bewundern, goetheanisch freimaurerisch,

in dem kleinen Ort Sankt Blasien - von Freiburg aus nach einer Stunde Bahnfahrt durch den berühmen

Black Forest, ohne irgendeine Umgesteigerei mit der "Höllentalbahn",

die ab Titisee "Drei-Seen-Bahn" heißt, weil sie dann am Titisee und Aha-See und Schluchsee passiert -

hinter der Station Feldberg/Hochschwarzwald, mitten im großen Wald, diesen frühen Versuch mit Licht.